Donnerstag , 24. September 2020
Maulina (Tülin Pektas) träumt von ihrer Heimat Mauldawien und schmiedet einen Plan. Foto: Theater

Papa hat eine Neue

Lüneburg. Maulina ist ein Dynamo, zwölf Jahre frech, heißt eigentlich Paulina, und jetzt fegt das Leben wie ein Hurrikan alles weg, was ihr Boden unter den Füßen gibt. Sie muss lernen, mit Veränderung und Verlust zu leben, mit dem Zerbrechen ihrer Welt. Es ist sehr bitter. Es berührt tief. Aber es ist noch so viel mehr, was jetzt im T.3 zu erleben ist, in gerade einmal 70 Minuten. „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt“ heften sich wie ein Schrei nach Leben in Herz und Hirn, mit sehr viel Witz, mit Wut, Schmerz, Spiellust und krachendem Rock.

Geschichte von Finn-Ole Heinrich

Finn-Ole Heinrich hat diese Geschichte über Abschiede geschrieben. Eine Geschichte, wie sie jeden Tag Realität ist, in jeder Stadt, in jedem Dorf. Mit Dita Zipfel hat Heinrich daraus ein Theaterstück gebaut, und Joachim von Burchard hat es für Menschen von 9 bis 99 in Szene gesetzt. Und zwar nachhaltig.

Links auf die Spielfläche hat Bühnenbildnerin Barbara Bloch Mauldawien gebaut, das Nest, aus dem die maulende Paulina und ihre Mutter verstoßen werden. Da fliegen die Blumenpötte. Grund der Trennung: Der Mann hat eine Neue. Rechts steht ein Turm, auf dem Philip Richert sich lange Haare überstülpt, singt und die Stromgitarre schrubbt. In der Mitte glänzt sterilweiß Plastikhausen, wie Maulina es nennt, wo sie nun mit ihrer Mutter leben soll. „Ich? Morgen? Neue Schule? Nö!“, mault sie. Und wird doch gehen.

Tülin Pektas spielt das Mädchen, das gegen all das ungewollte Neue wütet. Maulina ist schlau, offensiv und verzweifelt. Pektas zieht hinein in die Geschichte eines Mädchen, das den Vater-Mutter-Schutz des Kind­seindürfens verliert und dazu verstehen und akzeptieren muss, dass ihre Mutter todkrank ist. Und doch ist dieses Mädchen stark und vibriert vor Lebenslust. Pektas transportiert alle Facetten Maulinas glaubwürdig. Ein starker Auftritt!

Schwerer Stoff, hohes Tempo

Regisseur von Burchard macht‘s möglich. Er lässt diesen schweren Stoff keine Sekunde triefig oder pathetisch werden. Das Tempo ist hoch, methodische Wechsel wie Live-Videos aus der Vogelperspektive befördern die vitale Wirkung. In kurzen, sehr pointierten Dialogen und Szenen vermitteln sich Lebenslust und -angst gleichermaßen. Es ist zum Lachen und zum Heulen, manchmal fast gleichzeitig. Wie es im ganz normalen Leben eben so ist, in jeder Straße, in beinah jedem Haus.

Ein Trio kreist in vielen Rollen um Tülin Pektas. Imme Beccard verkörpert – in erster Linie – sehr einfühlsam und ohne jeder Übertreibung die Mutter, die Tag um Tag ärger die Kontrolle über ihr Leben verliert. Niklas Schmidt zeigt sich wandlungsfähig, mal als Maulinas etwas unbeholfener neuer Kumpel Paul, mal als kühler Arzt mit schlechter Botschaft. Vierter im Bunde ist Philip Richert, unter anderem ruhig und punktgenau als Maulinas Vater. Vor allem aber bricht Richert das Stück auf, unterlegt und überhöht es mit Songs, einem Neil-Young-Cover und kreischender Gitarre.

„Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt“ ereignen sich wieder am 20. und 22. Februar, weiter bis Ende April. Nach der Vorstellung am 22., Beginn 15 Uhr, laden die Darsteller zu einem Gespräch ein. Wer das Stück sieht, wird viel empfinden und darüber reden wollen.

Von Hans-Martin Koch