Mittwoch , 30. September 2020
Blick aus dem Fenster: Regisseur Jasper Brandis lässt die Bewohner des Mietshaus Schubertstraße 45 im Frankfurter Westend stellvertretend für die Geschichte der Bundesrepublik agieren. Foto: ff

Von Spontis bis Anarchisten

Lüneburg. Es kracht und knallt: Auf der Bühne wird herumgeballert, Schauspielerinnen probieren lustvoll ihre Maschinenpistolen aus, sie klingen beeindruckend. Probe für das Schauspiel „Aus Staub“ von Jan Neumann – kein Actionspektakel, sondern eine auf normale Theaterlänge verdichtete Geschichte der Bundesrepublik. Im Mittelpunkt steht ein gewöhnliches Mietshaus, Schubertstraße 45 im Frankfurter Westend. Was gut und schlecht läuft in der jungen Demokratie, spiegelt sich hier vor der Haustür, in den Fluren und Wohnungen.

Bausteine aus Schutt gepresst

„Aus Staub“, das ist natürlich zunächst eine Metapher, Deutschland entsteht aus Trümmern – Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, der Blick nach vorn, bloß nicht zurück, das sind die ersten Themen. „Aber aus dem Bauschutt wurden tatsächlich Ziegel gepresst, die ein recht poröses Baumaterial ergaben“, sagt Regisseur Jasper Brandis. Und vielleicht steckt ja in der Schubertstraße 45 auch ein bisschen Stein von der Paulskirche, dem legendären Ort der ersten deutschen Volksvertretung. Am 18. März 1944 brannte die Paulskirche wie viele der umliegenden Bauten der Frankfurter Altstadt nach einem der Luftangriffe auf die Stadt aus.

Die Geschichte beginnt 1950, die ersten Bewohner ziehen ein. Ihnen folgen etliche Nachmieter, die für den Wandel der Jahrzehnte stehen, für die kargen Fuffziger, die muffigen Sechziger, die flippigen Siebziger. Zum Beispiel: Maurizio, ein italienischer Gastarbeiter, der mit Hedwig-Courths-Mahler-Heftchen Deutsch lernt und nun hofft, dass seine Abenteuer auch so glücklich enden. Da ist die alleinerziehende Mutter, da ist die Wohngemeinschaft aus Marxisten, Anarchisten und Spontis, hier wird jeden Tag die Welt verbessert, da ist der schlaflose Unternehmensberater, der alles richtig machen wollte, und nun an dem leidet, was Jasper Brandis „neoliberale Ich-Erschöpfung“ nennt: Es fehlt das höhere Ziel, die Gesellschaft der Erfolgreichen dreht sich nur noch um sich selbst. Und aus den Achtundsechzigern sind autoritäre Führungskräfte geworden, die ihre Ideen von Basisdemokratie längst aufgegeben haben.

Sechs Schauspieler/innen spielen dreißig Rollen, dazu kommt ein Sänger und Gitarrist als Storyteller. „Aus Staub“ endet im Jahre 2018, das Stück ist nicht chronologisch sortiert, „ein Patchwork-Teppich“, sagt Jasper Brandis.

Feministinnen mit Maschinenpistole

Und natürlich gibt es keinen Anspruch auf Vollständigkeit, der „Deutsche Herbst“ beispielsweise, also das RAF-Drama, kommt nicht vor, Nine-Eleven dagegen schon. Und wer da so herumballert auf der Bühne, das sind Feministinnen, die mit dem alten Patriarchat gründlich aufräumen wollen. Vergewaltigung in der Ehe? Ist erst seit 1997 ein Straftatbestand. Und der Deutsche Fußballbund schaffte es erst 1995, eine Liga für Frauen einzurichten.

Jasper Brandis ist Schauspieldirektor am Theater Ulm, in Lüneburg führte er bereits für „Wie im Himmel“ Regie. „Aus Staub“ feiert am Sonnabend, um 20 Uhr Premiere im Theater Lüneburg, es ist nach der Uraufführung am Schauspiel Frankfurt die zweite Inszenierung des Stückes. Es gibt noch ein paar Tickets. Im Anschluss an die Vorstellungen laden die Darsteller/innen und Dramaturgin Hilke Bultmann zum Gespräch.

Von Frank Füllgrabe