Samstag , 15. August 2020
Jan-Philipp Sendker erzählt gern aus seinem Leben. Foto: t&w

Alleine leben – Höchststrafe für Burmesen

Lüneburg. Wer erfahren will, was in Jan-Philipp Sendkers neuem Buch „Das Gedächtnis des Herzens“ passiert, wird bei der Lesung, zu der Lünebuch eingeladen hat, zunächst enttäuscht. Der Autor findet es langweilig, vorzulesen, will lieber vom Entstehen erzählen und es mit wenigen Textpassagen würzen. Die Enttäuschung verfliegt schnell, denn der gebürtige Hamburger versteht es, die Neugier zu wecken, nicht zuletzt mit seiner Stimme die ZuhörerInnen – nur wenige Männer unter den knapp 100 Gästen – in seinen Bann zu ziehen.

All seine Romane, inzwischen sechs an der Zahl, spielen in Asien, genau gesagt in China und Burma alias Myanmar. Sie führen in geheimnisvolle Welten, fernab westlicher Gepflogenheiten. „Mich fasziniert das Fremde. Ich liebe es, etwas über andere Kulturen zu lernen und zu erkennen, was uns dennoch verbindet“, beschreibt der Autor seine Reiselust. Das wird auch in seiner Herzens-Trilogie deutlich, in der die New Yorkerin Julia, eine erfolgreiche Rechtsanwältin, die sich in „Das Herzenhören“ (2002) auf Spurensuche nach ihrem verschollenen Vater mit birmanischen Wurzeln begibt und somit West und Ost in Verbindung bringt. Im zweiten Roman „Herzenstimmen“ durchlebt Julia eine Sinnkrise, und jetzt geht es um Tapferkeit, Verzeihen und die Geschichte einer großen Liebe, die im Sturm politischer Veränderungen zu zerbrechen droht sowie um Ko Bo Bo, der seine Mutter sucht.

„Alles war anders“

Nach Burma reiste Sendker das erste Mal 1995 von Hongkong aus, wo er für den Stern den Wechsel von britischer Kronkolonie zu chinesischer Sonderverwaltungszone beobachtete. Als er in Burma ankam, fühlte er sich um 60 bis 80 Jahre zurückversetzt, und das nur eine Flugstunde von der Megametropole entfernt. Selbst in der Hauptstadt Yangon (Rangun) fuhren kaum Autos, flackerten Kerzen und kleine Feuer statt Straßenlaternen. „Alles war anders“, schwärmt er. Weil Burma mal eine britische Kolonie war, sprechen viele Burmesen Englisch, und so findet Sendker schnell Freunde und macht erste Erfahrungen mit der Kultur. Zum Beispiel, dass man einer Kellnerin mit zwei schmatzigen Küsschenlauten signalisiert, dass man bezahlen will, auf Heranwinken reagiert sie nicht die Bohne.

Zufällig landete er in Kalaw, einem Städtchen auf 1400 Meter Höhe, in das er sich verliebt. Hier leben die Romanfiguren U Ba und sein Neffe Ko Bo Bo. Der Onkel beschützt den durch eine Narbe im Gesicht gebrandmarkten Jungen, er wiederum kümmert sich liebevoll um den alternden Geschichtenerzähler. Nur eines lässt dem Jungen keine Ruhe, die Sehnsucht nach seiner Mutter. Die Familienbande spielt eine große Rolle in dem Land. Sendker hat mal als Abschiedsgeschenk einen riesigen Sack Tee bekommen. Als er um einen kleineren bat, weil er ja alleine lebe, sah er in entsetzte Mienen voller Mitleid. „Für einen Burmesen ist es undenkbar, quasi die Höchststrafe, allein zu sein“, erklärt Sendker.

Musik hören hilft ihm

Seine Erfahrung, die er als USA- und Asienkorrespondent gesammelt hat, geben seinen Fiktionen Halt. Den Traum vom Schriftsteller hegte Sendker schon als Kind. Als ihn die Eltern nach dem Abi fragten, ob er studieren wollte, lehnte er ab: „Ich will Bücher schreiben, das wisst ihr doch.“ Zunächst wurde er Journalist, verlor seinen Traum aber nie aus den Augen. Er legte stets Geld zur Seite, so dass er etwa 25 Jahre später eine Auszeit nahm und sich mit seiner Familie in den USA aufs Land zurückzog. Das Hin und Her zwischen Familie, Alltag und Schreibstube zeigt sich schwieriger als gedacht. Musik hören hilft ihm auch heute, von der einen in die andere Welt zu finden. Mittlerweile gilt er als Bestsellerautor, seine Bücher wurden in 35 Sprachen übersetzt, selbst in Burma. Ein Leser in Kalaw verriet ihm, dass die Bücher ihn zum Weinen bringen, aber auch Trost spenden und viel über sein Land verrieten.

Beide Trilogien abgeschlossen, Ideen für Neues habe er reichlich. „Nur eines ist sicher, es spielt wieder in Asien“, verrät der 1960 Geborene, der heute in Potsdam lebt. Vielleicht klappt es schon vorher mit einem Film, denn das Drehbuch zu Herzenhören hat er längst fertig, Detlev Buck arbeite an der Umsetzung, die Finanzierung stehe fast. Und die Rechte an der China-Trilogie hat Ziegler-Film erworben. In der Wartezeit hilft nur eines: lesen, um auf das Kommende vorbereitet zu sein.

Von Dietlinde Terjung