Samstag , 15. August 2020
Wandlungsfähig: Schauspieler Yves Dudziak ist auf dem Walfänger „Pequod“ in vielen Rollen unterwegs. (Fotos: Theater/tonwert21.de)

Nach dem Sturm ist vor dem Sturm

Lüneburg. Wie „Ulysses“, „Don Quichotte“ und der „Mann ohne Eigenschaften“ zählt „Moby Dick“ zu den weltberühmten Romanen, durch die sich nur wenige Leser wirklich gekämpft haben. Aber Gregory Peck 1956 als Kapitän Ahab, der prägte sich ein und damit das Bild, mit dem Herman Melvilles Roman populär ist. Nun riskiert das Lüneburger Theater eine eigene, auf einen Schauspieler und einen Musiker reduzierte Fassung – und gewinnt.

Mixtur aus Moral und Menschlichkeit

Der Roman, runde 900 Seiten, 135 Kapitel, kleidet eine Geschichte von alttestamentarischer Wucht in eine Flut von Einschüben. Sie reichen von philosophischen Betrachtungen über minutiöse Fachbetrachtungen zu metapherngespickten Satzmonstern. Wer daraus einen Film, ein Hörspiel oder wie hier ein Theaterstück bauen will, wird die Handlung extrahieren und muss zugleich zeigen, dass es hier nicht – nicht nur – um „Action“ geht. Sichtbar werden muss eine Mixtur aus Moral und Menschlichkeit, Kreatur und Natur, aus Macht und aus Ohnmacht gegenüber einer übermenschlichen Natur.

Das gelingt dem wunderbaren Schauspieler Yves Dudziak, dem ebenso großartigen Musiker Jan-Phillip Meyer, Regisseur Andreas Simma und Dramaturgin Hilke Bultmann. Sie haben gemeinsam das Konzept für einen spannenden, faszinierenden, wenn auch ab und an überinszenierten Abend geschaffen.

Das Publikum sitzt vor und hinter der Szene

Schon die Form überrascht. Barbara Blochs Bühnenbild führt in die Mitte des Studios, das Publikum sitzt vor und hinter der Szene, in der immer wieder ein Tischler Teile des kommenden Bühnenbilds zimmert. Yves Dudziak, tatsächlich gelernter Schreiner, trägt bald eine rote Wollmütze und wird zu Ismael, der auf dem Walfänger Pequod anheuert, Erzähler und auch Spieler ist.

In schnellen Schnitten führt der Regisseur den hochpräsenten Dudziak durch die Handlung und Figuren. Dudziak ist Ismaels durchtätowierter Südsee-Kumpel Queequeg, Steuermann Starbuck, Wirt, Prophet und natürlich Ahab, der getriebene düstere Kapitän, der seine ganz persönliche Rache am legendären weißen Wal nehmen will.

Das existenzielle Drama jeder Figur wird spürbar

Es genügt der rasante Wechsel der Kopfbedeckung, um die Figuren, ihre Dialoge und Handlungen zu kennzeichnen. Dudziak setzt das fesselnd um, er findet in Sprache und Haltung immer einen Ton, der Charaktere kennzeichnet. Enorm, was Dudziak an Text zu bewältigen hat und wie er einen Ausdruck findet, der das existenzielle Drama jeder einzelnen Figur spürbar werden lässt. Anrührend auch, wie er den unglücklichen Schiffsjungen Pip führt, der als fragile, von Silvan Hahn gebaute Puppe ins Geschehen gewebt wird.

Extrem spannend begleitet und kommentiert der Soundtrack den Abend, den Jan-Phillip Meyer live einspielt. Mal Geräusch, mal Song, mal unheilvoll, mal poetisch – immer packend und immer wie ein Subtext zum Geschehen. Manchmal wird der Musiker zum Akteur, meist mit stoischem Ausdruck und auch in Szenen des Witzes, von denen es einige gibt. Man achte auf Nebendarsteller! Es passt auch, dass die Inszenierung mehrfach Szenen aufbricht und Publikum einbezieht.

Überschwang und Unheilsstimmung

Meyer hat aber auch den Part zu übernehmen, der stärker als gelegentlich hektische Rödeligkeit für ein Überinszenieren steht. Meyer schlüpft in eine Glitzerjacke und liefert eine Showeinlage, die einen grellen Kontrast malt von extrem erfolgreichen, sich feiernden Walfängern zur Unheilsstimmung auf Ahabs marodem Seelenfänger. Es wirkt, als sei das Theaterteam etwas verliebt in diese in sich ja sehr gelungene Schlagerparodie. Aber sie bleibt doch ein Fremdkörper.

Sie mindert aber nicht den tiefen Eindruck, den dieser Abend als Ganzes hinterlässt. Am Ende, wenn allein Ismael den Untergang überlebt hat, sagt er den ersten Satz des Melville-Romans: „Nennt mich Ismael“. Nach dem Sturm ist vor dem Sturm.

„Moby Dick“, mit Standing Ovations gefeiert, steht wieder am 16., 22. und 29. Februar auf dem Spielplan.

Von Hans-Martin Koch