Sonntag , 25. Oktober 2020
Am letzten Tresen dieser Welt gestrandet, von links: Esther Barth (als Lena), Jens Rainer Kalkmann (Wirt), Rebekka Hannah Ehlers (Ezecielle) und Hendrik Flacke (Belly). Foto: t&w

Alles ist vergänglich

Lüneburg. Hannes (Jens Rainer Kalkmann) ist ein netter Kerl und außerdem Kneipier, doch sein Lokal läuft nicht gut. Der Umsatz ist bescheiden, zum Glück braucht Hannes nicht viel zum Leben. Er sammelt Jazz-Platten und wartet am hauseigenen Tresen auf die große Liebe, auf den einen Mann, den er lieben kann. Die Chancen dafür stehen schlecht, denn kaum Gäste verirren sich in sein Lokal – mit Ausnahme von Ezecielle (Rebekka Hannah Ehlers), einer treuen Stammkundin.

Der Erzengel des Todes

Hannes betrachtet die junge Schönheit als Freundin. Ein fataler Irrtum, denn ihr Namensvetter Ezekiel ist der Überlieferung nach ein Erzengel des Todes. Die Situation eskaliert, als eines Abends in der Kneipe endlich mal ein interessanter Gast auftaucht: Hannes glaubt in dem quirligen, attraktiven DJ Belly (Hendrik Flacke) endlich den Mann fürs Leben gefunden zu haben. In seiner Verliebtheit fällt Hannes nicht auf, wie gesundheitlich angeschlagen Belly bereits wirkt.

Der zweite Gast dieses Abends, die ehemals keiner Affäre abgeneigte Lena (Esther Barth), scheint da schon mehr Durchblick zu entwickeln: Mittlerweile schwerkrank, entdeckt sie ihresgleichen in dem fremden, jungen Mann. Ihr Misstrauen gegen Belly wächst, während Hannes sich im siebten Himmel wähnt. Die beiden Männer schmieden Pläne, aus Hannes abgeliebter Kneipe könnte ein In-Lokal werden, ein paar Renovierungen, andere Musik und das „Blue-Note“ wird zum hippen Treffpunkt der Stadt.

Diese neue Liebe scheint eine Zukunft zu haben, doch leider nur so lange, bis Erzengel Ezecielle erscheint, um ihren „Kunden“ Belly ins Jenseits zu befördern. Belly ist unheilbar krank, seine letzte Runde am Tresen ist gelaufen. Da hilft kein Bitten und Flehen bei der angeblichen Freundin. Ezecielle tut, was sie tun muss, Hannes bleibt allein zurück. Es ist halt alles vergänglich auf Erden.

Die ersten Jahre der Immunschwäche Aids

Das Schauspielkollektiv Lüneburg hat ein frühes Stück des inzwischen deutschlandweit bekannten Autors Lutz Hübner (Frau Müller muss weg) auf die Bühne gebracht, die in diesem Fall Teil der Gaststätte und des Hotels Hasenburg ist. Das Ambiente stimmt hundertprozentig, der Ort ist mehr als nur Kulisse. Die Schauspieler wirken echt und kommen dem Publikum sehr nah, insbesondere der gutmütige Hannes (Jens Rainer Kalkmann) als Frontmann am Tresen gewinnt die Herzen. Ob sich allerdings der tiefere Sinn der Tragikomödie jedem Zuschauer auf Anhieb erschließt, ist die Frage: Über die Liebe in Zeiten von Aids hat Hübner schreiben wollen, sein Stück stammt aus dem Jahr 1995. Nicht jedem dürfte sich heutzutage noch der Bezug der Handlung zu der Immunschwächekrankheit erschließen, die als tieferer Schlüssel für die Bedeutung des Stückes fungiert. Selten konnte im 20. Jahrhundert das Leben in unserer medizinisch gut versorgten Gesellschaft so kurz sein wie für diejenigen, die in den 90er-Jahren an Aids Erkrankten. Während inzwischen Medikamente helfen, das Leben der Erkrankten zu verlängern und zu normalisieren, war Aids in den ersten Jahren ein Todesurteil und ein Stigma. Heute müsste Belly nicht mehr in jungen Jahren sterben.

Nächster Termin: Donnerstag, 13. Februar, 19.30 Uhr. Am Tag darauf kommt Autor Lutz Hübner zur Vorstellung und zum Gespräch mit dem Publikum.

Von Elke Schneefuß