Dienstag , 22. September 2020
Kein Walfang ohne Harpune: Regisseur Andreas Simma präsentiert schon einmal einige Requisiten. Foto: ff

Jeder Mensch hat seine Dämonen

Lüneburg. Mehr als 900 Seiten, die sich auf 135 Kapitel verteilen: Der Roman „Moby Dick“ von Hermann Melville ist das, was man gemeinhin einen Wälzer oder auch eine Schwarte nennt. Immer wieder ist dieses Epos über die Rache eines Mannes an einem weißen Wal auf die Bühne gebracht worden, als Schauspiel und Tanztheater. Aber als Stück für einen einzigen Schauspieler, der zudem nur etwa anderthalb Stunden Zeit hat? Am Sonnabend, 8. Februar, 20 Uhr, feiert „Moby Dick“ in der Regie von Andreas Simma Premiere im Studio (T.NT) des Theaters Lüneburg.

Schreiner und Multi-Darsteller

Ismael, der Matrose und Erzähler. Starbuck und Stubb, Erster und Zweiter Steuermann. Queequeg, Harpunier aus Polynesien. Elias, Wahnsinnger und/oder Prophet. Und natürlich: Ahab, ebenfalls wahnsinnig, Kapitän des Walfangschiffes Pequod – Yves Dudziak spielt sie alle, dazu einen Schreiner, denn die Lüneburger Version der Geschichte beginnt nicht an Bord der Pequod, sondern in einer Holzwerkstatt. Hier entstand die Prothese für Ahab, dem der Pottwal einst ein Bein abriss.

Die Rolle des Schreiners brauchte Yves Dudziak übrigens nicht zu lernen, denn der dem Lüneburger Publikum von vielen Rollen bekannte Schauspieler hat im ersten Leben Tischler gelernt. In der Ernst Busch Schule für Schauspiel in Berlin lernte er Andreas Simma kennen. Aus einem Moby-Dick-Monolog, einem Vorsprech-Text, entstand die Idee für ein ganzes Bühnenstück. Und so ist nicht nur eine (ausverkaufte) Premiere, sondern eine echte Uraufführung zu erleben.

Mythologie und Philosophie, Naturwissenschaft und Kunstgeschichte: Natürlich können nicht alle Facetten, alle Themen und Motive des Romans abgebildet werden, Hermann Melville schildert beispielsweise über weite Strecken Details des Walfangs im 18. und 19. Jahrhundert.

Der Erzählung einen Raum geben

„Ein Puzzle, aber auch ein durchgehendes, in sich schlüssiges Stück“, kündigt Andreas Simma an, und: „Es geht mir vor allem darum, der Erzählung einen Raum zu geben.“ Dieser Raum ist also das Theaterstudio – und zwar der Zuschauerraum, nicht die Bühne, deren Decke ist zu niedrig. Ein Seemann, der den Mast hinaufklettert, ließe sich hier kaum darstellen. Yves Dudziak wird kreuz und quer durch den Raum laufen, begleitet von Jan-Philipp Meyer, der Musiker spielt den Soundtrack der Erzählung, gibt den Protagonisten eine zusätzliche Stimme, illustriert ihre Gefühle. Jeder Mensch hat seine Dämonen, nicht jeder ist so groß wie der weiße Wal. Das gewaltige Tier steht wohl auch für den Versuch des Menschen, die Natur zu beherrschen.

Andreas Simma ist ein österreichischer Schauspieler, Regisseur, Lehrer – und Clown. Er arbeitete zwölf Jahre für das Théâtre du Soleil von Ariane Mnouchkine, anschließend gründete er seine eigene Compagnie Tà Pánta Rheî. Als Gastprofessor unterrichtet er zudem in Brasilien, Chile, Argentinien, Deutschland, Frankreich und Österreich.

Höhere Semester, die an Moby Dick denken, erinnern sich wohl auch an John Hustons legendären Film von 1956 mit Gregory Peck als Ahab. Dieser „Moby Dick“ ist am Sonntag, 29. März, in der Reihe „Theater trifft Kino“ in der Scala zu sehen.

Von Frank Füllgrabe