Montag , 28. September 2020
Es geht auch ohne Manuskript: Rafik Schami im Filmpalast. Foto: t&w

Über Wahrheit in einer Diktatur

Lüneburg. Es brauchte keine aufwendig inszenierten Filmszenen auf der großen Leinwand im bis auf den letzten Platz besetzten Saal eins des Filmpalasts Lüneburg, um einen großartigen Film zu erleben. Für die Bilder, für das Kino im Kopf, sorgte ein Mann ganz allein: Rafik Schami. Der deutsch-syrische Schriftsteller stellte seinen aktuellen Roman „Die geheime Mission des Kardinals“ vor.

Jan Orthey von Gastgeber „Lünebuch“ bezeichnete Schami in seiner Anmoderation als „den besten Geschichtenerzähler der Welt“. Dass er damit nicht falsch lag, bewiesen dann die folgenden zwei Stunden, in denen Schami einfach wunderbar erzählte und die Zuhörer von Anfang an in seinen Bann zog.

Spaziergang durch einen Roman

Denn Schami liest nicht aus seinen Romanen, er erzählt daraus. Er nennt das „einen spannenden Spaziergang durch einen Roman“. Sein aktuelles Buch ist eine Geschichte über Aberglaube und was Scharlatane daraus machen, über den Grat zwischen Glaube und Aberglaube, über die Gefahren bei der Wahrheitssuche in einer Diktatur.

Rafik Schami, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller der Gegenwart – sein Werk wurde in über 30 Sprachen übersetzt –, lässt darin eine Figur wieder aufleben, die schon in seinem Epos „Die dunkle Seite der Liebe“ eine Rolle gespielt hat: Kommissar Barudi. Desillusioniert von der Korruption im syrischen Staats- und Justizapparat und deprimiert vom Tod seiner geliebten Frau Basma steht der Kommissar kurz vor der Pensionierung. Er will eigentlich nur noch seine Ruhe haben, als er noch einmal widerwillig einen bizarren politisch hochbrisanten Fall übernehmen muss. Der italienischen Botschaft in Damaskus wird ein Fass mit Olivenöl geliefert. In diesem Fass befindet sich die Leiche eines italienischen Kardinals. An Stelle des Herzens befindet sich, chirurgisch sauber eingepasst, ein Basalt-Stein.

Barudi zur Seite gestellt wird Kommissar Mancini aus Rom. Beide Männer werden schnell Freunde und nehmen die Ermittlungen auf. Kontrastiert werden die Erzählstränge des Kriminalfalls immer wieder mit Tagebucheinträgen von Barudi, der aus seinem Leben berichtet. So wird aus „Die geheime Mission des Kardinals“ schnell ein Roman über die syrische Gesellschaft vor Ausbruch des Bürgerkriegs.

Schami prangert die syrische Diktatur und die Korruption ebenso an wie Eitelkeiten (zum Beispiel die Praxis der Heiligsprechungen in der katholischen Kirche) und Machtansprüche verschiedener Kirchen und Religionen. Immer verbunden mit der Liebe zu seiner arabischen Heimat.

Genau das spiegelt sich auch in seinem Vortrag wider. Rafik Schami wird eins mit seinen Figuren, leidet mit ihnen, freut sich mit ihnen, erweist sich auch als Meister der Zeichnung viel­schichtiger Charaktere – wie Kommissar Barudi einer ist.

Geschichten und Anekdoten nebenbei

Schami schweift auch gerne ab, erzählt en passant Anekdoten, Geschichten und Gebräuche aus der syrischen Gesellschaft. Aber es wird nie langweilig, weil er die Zuhörer mit Tempi- und Stimmungswechseln immer bei der der Stange hält. So nimmt er das Publikum mit auf eine Reise durch Damaskus und ländliche Regionen wie das südliche Aleppo. Ein wunderbares Roadmovie mit Worten.

Man mag diesem Mann einfach gerne zuhören. Er kann einen von einer Sekunde zur anderen von Heiterkeit zu Melancholie bringen. In Bezug auf Kommissar Mancinis Herkunft Italien kam er einmal auf Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi zu sprechen und beantwortete die Reaktion des Publikums so: „Ich freue mich, dass sie jetzt lachen. Denn das zeigt mir: Dieser Milliardär kann seine Milliarden mit ins Grab nehmen. Er wird immer ein Witzfigur bleiben.“

Schamis Vortrag hatte nur eine kleine Schwäche: Er war nach zwei Stunden vorbei.

Von Matthias Sobottka