Samstag , 24. Oktober 2020
Ein bisschen Grusel muss sein. Foto: t&w

Magische Zeiten brechen an

Hamburg. „Das Dunkle kommt oft unerwartet“, raunt es von Plakaten. Das Dunkle, das da kommt, zieht magisch an. 250.000 Karten sind schon verkauft, „wir werden Rekorde brechen“, sagt Maik Klokow. Er ist Produzent der „größten Theaterproduktion, die es zurzeit gibt“. Nach sieben Büchern und sieben Filmen garantiert Harry Potter wieder Superlative. Am 5. Februar starten in Hamburg die Voraufführungen zu „Harry Potter und das verwunschene Kind“, am 15. März folgt die Premiere.

42 Millionen Euro fließen in die Produktion, sagt Klokow. Das von ihm vor fünf Jahren eröffnete Mehr! Theater am Großmarkt wurde zum Harry-Potter-Theater umgebaut, erhält noch eine Probebühne hinzu, ein runder Pavillon glitzert silbern vor dem Eingang. Ausdrücklich lobt Klokow die Behörden von Bau bis Denkmalschutz, mit allen ließe sich sehr positiv und zielorientiert arbeiten.

Klokows Firma Mehr-BB Entertainment denkt weit nach vorn. Drei Jahre muss die Show laufen, um Gewinn einzuspielen. Das riecht nach Risiko, aber die Zeichen stehen so schlecht nicht. Das Stück läuft seit vier Jahren in London, es läuft in New York, Melbourne und San Francisco. Es hat eine Menge Preise gewonnen: Olivier Awards, Tony Awards – was die Branche so bietet.

Sie sind alle wieder da

Harry, Ron, Hermine, Draco Malfoy: Sie sind alle wieder da, 19 Jahre nach dem Sieg über Lord Voldemort. Harry hat Rons Schwester Ginny geheiratet, er ist nun 37, gestresst vom Job im Zaubereiministerium. Das Problem ist ein anderes: Harrys Sohn Albus hadert mit dem Erbe seiner Familie, stiehlt einen Zeitumkehrer, führt tief zurück in die Abenteuer rund um die Zaubererschule Hogwarts und richtet ein gefährliches Chaos an.

Joanne K. Rowling, die ihren ersten Potter-Roman vor 25 Jahren abschloss, hat das Theaterstück mit John Tiffany geschrieben. Tiffany führte Regie in London. Sie haben die Geschichte auf zwei Stücke verteilt – fünf Stunden insgesamt. So läuft es auch in Hamburg. Tickets gelten für zwei Abende nacheinander, am Wochenende und mittwochs wird das Spektakel auch komplett gespielt – mit gut zwei Stunden Pause.

John Tiffanys engster Mitarbeiter Des Kennedy war in London dabei, hat das Potter-Spektakel in allen anderen Spielorten inszeniert: New York, Melbourne und San Francisco. Toronto wird folgen. Alle Shows dort laufen natürlich auf Englisch. Kennedys größtes Problem in Hamburg: die Sprache. „Die Show ist sehr, sehr schnell“, sagt Kennedy. Deutsche Worte und deutsche Sätze aber seien sehr lang.

36 Schauspieler auf der Bühne

Dann aber schwärmt Kennedy von den überwältigenden Effekten, von der Qualität der Darsteller und vom Spielort mit seiner eigenen Dramatik. Nahtlos geht unter dem denkmalgeschützten wellenförmigen Dach das Potter-Theater in den Großmarkt über. Zwei Armlängen trennen Perücken und 600 Kostüme von Walnüssen, Weißkohl und Ingwerwurzeln. Ist das Theater am Abend zu Ende, gehen im Großmarkt die Lichter an.

Das Team auf der Bühne umfasst 36 Schauspieler. Sie kommen überwiegend aus dem deutschsprachigen Raum. Harry Potter wird von Markus Schöttl aus Wien gespielt, aus dem Wendland kommt Uwe Serafin, der unter anderem als Lord Voldemaort erscheint. Sie proben hart und werden weiter hart gefordert. Acht Shows pro Woche sind zu spielen, Montag und Dienstag ist frei. Es sei denn, es muss nachgeprobt werden, denn Präzision ist alles. Einige aus dem Team werden als „Swing“ geführt, sie spielen kleine Parts, stehen als alternierende Besetzung für die A-Besetzung bereit.

Im Theater herrscht das übliche Gewusel vor dem Start. Teppiche werden auf 3000 Quadratmetern ausgerollt, die letzten von 49 Kilometern Kabeln verlegt. Bohrhämmer rattern, Harry-Potter-Tassen und Zauberstäbe werden in Merchandise-Stände geräumt. 3000 Lampen ziehen sich in Wogen durch das Foyer, von den Wänden im Foyer schauen die Potter-Kennern vertrauten Patronus-Gestalten auf die Besucher – beschützende Tiergestalten.

Drachenlampen glimmen an den Wänden

Sie haben den Saal geschrumpft, von 2400 Sitzplätzen auf exakt 1673. Das ist immer noch das größte aller bisherigen Potter-Theater. Drachenlampen glimmen an den Wänden, deckenhohe Bögen überspannen den Saal. Sie ziehen den Blick trichterförmig ins Geschehen. Auf der Bühne stehen Koffer im Bahnhof King’s Cross, auf dessen Gleis 9 ¾ der Hogwarts-Express starten wird. Noch aber leuchten im Saal an die 20 Rechner. Effekte, Licht, Ton, die Musik von Imogen Heap – es geht jetzt um den Feinschliff. Maik Klokow, der heute die schnellen Schuhe anhat, gibt sich gelassen: „Wir sind im Zeitplan und im finanziellen Rahmen.“

Die Kartenpreise bewegen sich zwischen 100 und 299 Euro. Mit VIP-Feeling in einer Lounge wird‘s saftig teurer, mit Glück wird’s günstiger: „40 am Freitag“ heißt eine wöchentliche Verlosaktion. 30 Prozent der bisher verkauften Karten sind laut Klokow an Hamburg und Umgebung gegangen. Der Rest verteilt sich auf den gesamten deutschsprachigen Raum. „All-Inclusive-Pakete mit Hotel laufen erstaunlich gut“, beobachtet Klokow.

Der 55-jährige Theater- und Musicalproduzent hat sein Handwerk von der Pike auf bei der heutigen Stage Entertainment gelernt. Die regiert Hamburgs Musicalszene vom „König der Löwen“ bis „Tina“ und beäugt nun, wie sich ihr entfleuchter Zauberschüler daran macht, magische Zeiten heraufzubeschwören.

Von Hans-Martin Koch