Sonntag , 27. September 2020
Die Lüneburgerin Jasmin Kabus-Bardoux holt Musiker zu privaten Konzerten in ihr Wohnzimmer. Foto: t&w

Gespielt wird, was ihr gefällt

Lüneburg. Ins Audimax passen an die 1000 Besucher, ins Theater mehr als 500, in die Musikschule 199, und bei Jasmin Kabus-Bardoux ist die Hütte schon mit 40 Leuten proppevoll. Aber ihre Konzerte sind nicht öffentlich, es gibt keine Werbung, keinen Eintritt, sie verkauft keine Getränke, verdient nichts. Die Lüneburgerin liebt einfach Musik und holt sich Künstler ins Haus, bevorzugt aus der rockigen Welt.

Die Idee brachte die 39-Jährige aus Sydney mit. Längere Zeit lebte sie in Australien. Dort genoss sie wiederholt intensive Konzerte in kleinem, privat gehaltenen Rahmen. Der Keim war gelegt. Ein bisschen dauerte es noch. Jasmin Kabus-Bardoux wurde technische Redakteurin, studierte in Merseburg. Eigentlich wollte sie nach Meersburg, aber es gefiel ihr auch in Sachsen-Anhalt. Längst lebt sie wieder in Lüneburg, hat zwei Kinder, arbeitet als Webdesignerin.

Chill Out Lounge startete mit Martin Herzberg

2011 verwandelte sie ihr Wohnzimmer zum ersten Mal zu „Kaboux’s Chill Out Lounge“. Gespielt wird, was ihr gefällt. Erster musikalischer Gast war Pianist Martin Herzberg, dessen sanfte Musik längst in größeren Hallen zu erleben ist. Miss Allie sang bei Jasmin Kabus-Bardoux, mehrfach trat Singer/Songwriter Lowmax auf, Bands wie Denmantau und Gleewood waren da. Ben Boles griff in die Saiten, Graziella Schazad sang persische, französische und deutsche Lieder. Auch der Bornholmer Bluesmusiker Johnny Walther kam, ihn hatte Jasmin Kabus-Bardoux im Café Klatsch gehört.

Damit die Künstler nicht leer ausgehen, spendet das Publikum etwas. „Es ist noch kein Künstler unzufrieden rausgegangen“, sagt die Gastgeberin. Gespielt wird unplugged, es gibt keinen Stress mit Nachbarn. „Sie kommen zum Zuhören.“

Jasmin Kabus-Bardoux ist mit ihrer Idee von Wohnzimmer- oder Sofakonzerten natürlich nicht allein. Es gibt sie bundesweit, auch mehrere Konzepte in Lüneburg. Auf dem Campus bietet der AStA Wohnzimmerkultur, auch dort läuft alles ohne Werbung, ohne Eintritt, was mit dem Vermeiden von GEMA-Gebühren zu tun hat.

Ganz normales Interieur

In einem Gewölbekeller am Lambertiplatz plant zurzeit Vocalcoach Anna Schwemmer eine monatliche Reihe in privatem Rahmen. Still geworden ist es dagegen im Salon d’Hartz am Stint wo Malertausendsassa Jan Balyon eine Zeit lang als Programmmacher für Salonkultur aktiv war.

Eine Standuhr aus dem Jahr 1912, eine ebenfalls aus der Familie stammende Anrichte, ein Foto von Hawaii, ein großes Sofa, eine Glotze – es sieht bei Jasmin Kabus-Bardoux eben aus wie in einem Wohnzimmer. Ein alter Koffer als Deko steht auf dem Fußboden, „ich bin immer auf dem Sprung“, sagt Jasmin Kabus-Bardoux. Reisen ist ihr wichtig, gerade geht es nach Lanzarote. Sie ist auch schon mal mit dem Rad bis Bilbao gefahren.

Wann genau es mit den Konzerten bei Jasmin Kabus-Bardoux weitergeht, erfahren nur Menschen, die Teil einer geschlossenen Facebook-Gruppe sind. Sicher ist nur, dass Margins Of April spielen werden, ein Singer/Songwriter-Duo aus Winsen/Hamburg. Auf ihrer Wunschliste steht auch zum zweiten Mal Pianist und Sänger Mathias Bozó. „Ich bin ja kein Udo-Jürgens-Fan. Aber wenn Mathias Bozó das spielt, dann doch.“

Die Facebook-Gruppe „Jasmins Wohnzimmer“ zählt 212 Mitglieder. Wer sich bei Terminbekanntgabe zuerst meldet, ist drin. Das Wohnzimmer ist jedenfalls pickepackevoll, wenn die Musik kommt.

Von Hans-Martin Koch