Sonntag , 20. September 2020
Blick in „Raum 0“, dem Prolog der „Die 7 Räume der Vermittlung“. Foto: die

Anfassen ausdrücklich erwünscht

Tosterglope. Sehen, fühlen, hören – Wahrnehmungen, die auch in der Kunst eine große Rolle spielen. Doch insbesondere in Museen und Kunsthallen wird die Neugier und das Verstehenwollen oft durch uncharmante Hinweise wie „Bitte nicht berühren“ ausgebremst. Nicht so im Kunstraum Tosterglope. Wer dort die Ausstellung „Die 7 Räume der Vermittlung“ betritt, darf nicht nur schauen, sondern auch anfassen und sogar verändern. Spätestens an diesem Punkt würde ein Künstler wohl ausrasten, zumindest aber protestieren. Hier aber gehört es zur Konzeptidee, wie Initiator Johannes Kimstedt erläutert. Er hält alles fotografisch fest und bringt es später meist wieder in seine Ursprungsform. „Wir wollen den Mythos der heiligen Hallen auflösen“, betont er.

Sammelsurium von Kartonagen

Jeden Samstag und Sonntag haben Besucher die Möglichkeit, die Szenen in den Modellstuben auf sich wirken zu lassen und gegebenenfalls einzugreifen, eigene Ideen zu vermitteln. „Der Betrachter kommt in einen Raum, der nicht gleich mit Kunst in Verbindung gebracht wird, aber zum Denken anregt, sobald er über die Schwelle tritt.“ In diesem Denkraum gibt es viel zu entdecken, enträtseln, einzuordnen. Unterschiedlich hohe Tische mit deckellosen, vorne offenen Kästen aus rohen Hartfaserplatten sind unter anderem mit Figuren, Steinen, Stühlen bestückt, erinnern an Puppenstuben, die Kindern als Bühne für Fantasie-Spiele dienen. Dazwischen ein Sammelsurium von Kartonagen, ein Tisch mit einer Schreibtischlampe, Werkzeugen und diversen Utensilien – von Bäumchen für Modelleisenbahnen, Leisten für Kinderschuhe bis hin zu einem Kartoffelstein. Einem dieser braunstaubigen Rundlinge, die man einfach anfassen muss, um zu erkennen, ob es sich um eine Kartoffel oder einen Stein handelt. „An dieser Station darf gewerkelt werden, können Dinge bearbeitet, verändert oder abgelegt werden“, erklärt Kim­­stedt.

Die 7 Räume der Vermittlung

Vielleicht für den Raum 0, auch Prolog genannt laut Ausstellungsskizze, die an der Wand des größten Szenekastens hängt: Ein großer Feldstein umringt von kleinen Stühlen, ein Schreibtisch mit Stuhl, ein kunstvoll zerknülltes Stück Hochglanzpapier vor einem Watzmann-Foto sind hier drapiert. Soll das Papier ebenfalls ein Berg sein, warum sind die Stühle so klein, was soll der Schreibtisch. „Dabei werden die Beziehung von Wirklichkeit und Vorstellung deutlich, denn der Stein ist wie er ist, einmalig, der Stuhl aber nur ein Modell, eine Variante“, erläutert der, Meisterschüler der HdK Berlin. Das Konzept kommt an. Der Gründer des Vereins Kunstraum erzählt begeistert, dass bereits mächtig umgestellt wurde. „Ein Besucher betonte, dass er nur gucken wollte, weil es so schön sei, aber plötzlich war der Bann gebrochen, und dann spielte er mit den Sachen“, erinnert er sich. „Die 7 Räume der Vermittlung“ werden somit selbst zum Prozess von Idee, Werk und Wirklichkeit. Sie haben eine Art Übersetzerfunktion, indem sie zwischen Theorien von Bild und Raum vermitteln, Beziehungen zwischen Größen und Perspektiven entstehen lassen. Auch die großen und kleinen Kartons symbolisieren das Thema Raum, laden ein, etwas hineinzulegen oder herauszunehmen. „Es ist als Umschlagplatz für Ideen gedacht“, so Kimstedt. Es wurden bewusst sehr rohe Materialien eingebracht, die man aus unserer Paketflut kennt. Ein langes schmales Exemplar liegt derzeit quer über anderen – wie eine Brücke.

Finissage am 16. Februar

Größe vermittelt ein Besenschrank hoher Karton mit dem Hinweis „Alto“ für oben und einer 13 auf der Rückseite. „Wo doch bei Wolkenkratzern meist die 13. Etage ausgelassen wird“, schmunzelt „Kunstraeumer“ Kimstedt. So entstehe eine zufällige Assoziationskette.

Am 16. Februar setzt eine Finissage einen Strich unter die Vermittlungsräume und lädt zu einer Gesprächsrunde um 15 Uhr mit dem Titel „Meta-Methode – Modell und Wirklichkeit“ ein. Obwohl der Kunstschaffende an der Leuphana unterrichtet, seien selten Studenten dabei. „Die kommen nicht so weit raus“, weiß er. Dennoch ist mit der Finissage nicht Schluss. Es wird weiter gebaut, dann allerdings im Atelier. Vielleicht kommen weitere Räume hinzu sowie das Thema Zwischenräume, Brücken, Verbindungen. Auch hier kann der Betrachter mitwirken, gilt „Bitte anfassen“. Und im Januar 2021 erfolgt der Abschluss der Ausstellung, wahrscheinlich gibt es dann auch eine Dokumentation.

Von Dietlinde Terjung

Der Verein

Kunst in der Idylle

Der Kunstraum Tosterglope ist ein Verein, der sich als Veranstaltungsforum und „Kulturwerkstatt“ versteht. Kurse, Seminare und Workshops gehören zum Angebot, ebenso wie Ausstellungen, Vorträge und Konzerte. Derzeit stehen auf dem ehemaligen Bauernhof in der Nähe von Dahlenburg fast 400 Quadratmeter Wohn-, Arbeits- und Veranstaltungsräume zur Verfügung. Für Außenprojekte bietet sich das große Hofgelände an. Das Ministerium für Wissenschaft und Kultur hat dem Verein kürzlich eine Förderung von 10.000 Euro für seine Kunstraum-Konzerte zur Verfügung gestellt.