Mittwoch , 30. September 2020
Sängerin Annalena Ketzenberg stellt sich, begleitet von Pianist Alexander Bräunling, dem Votum der Jury. Foto: t&w

Das Klavier ist eine Bank

Lüneburg. Das Smartphone von Gerd Baumgarten brummt – eine Absage per WhatsApp: „Kann leiden nicht teilnehmen, fühle mich nicht fit.” Der Leiter des Regionalaus schusses „Jugend musiziert” nimmt es gelassen, die 57. Ausgabe des Wettbewerbs am Sonnabend in der Musikschule läuft nicht schlecht. 79 Teilnehmer/innen aus Lüneburg und den benachbarten Landkreisen sind angetreten, um sich dem Urteil der Jury zu stellen, um Bestätigung für die eigene Kunst zu bekommen und vielleicht in die nächste Runde zu gelangen, zum Landeswettbewerb oder sogar zum Bundesfinale. Das waren im vergangenen Jahr weniger.

Neue Kategorien werden kaum angenommen

Das Format „Jugend musiziert”, angelegt als Herausforderung und als Ermutigung, ein Musikinstrument als Begleitung fürs Leben zu gewinnen, ist im Umbruch. Es gibt Versuche, den Wettbewerb zu modernisieren, nicht alle sind – zumindest bisher – erfolgreich. Geblieben ist der Grundsatz, dass jeder und jede, die teilnehmen, für ihren Mut belohnt werden sollen. Wenn etwa ein Erstklässler nervös ist, deutlich hörbar patzt, neu ansetzen muss, kann er immer noch mit dem Prädikat „Mit Erfolg teilgenommen” rechnen. Und die Jurymitglieder bieten individuelle Beratungen an.

Ein wenig aufgeweicht wurde das Reglement: Früher waren beim Vorspiel Kompositionen aus drei verschiedenen Musikepochen Pflicht, darunter musste ein langsames Stück sein und eines aus der Gegenwart stammen. Das gilt nicht mehr, es müssen nur noch zwei Epochen vertreten sein, das Langsame und das Zeitgenössische als Bedingungen wurden gestrichen. Umgekehrt gibt es die Möglichkeit, als Ensemble mit Neuer Musik anzutreten, also etwa Live-Elektronik einzusetzen und Instrumentarium jeglicher Art – bis hin zum Fahrradrahmen als Schlagwerk – vorzustellen.
Der Regionalwettbewerb 2020 verteilt sich bundesweit auf mehr als 160 Regionen. Gewertet wurde in Lüneburg in den Kategorien Klavier, Gesang, Bläser- und Streicherensemble, der Wettbewerb Drum-Set für Popmusik wurde ausgelagert – es hatte sich nur ein einziger Kandidat gemeldet.

Vergleich mit Jugend forscht

Auch das seit einigen Jahren bestehende Angebot, mit der E-Gitarre anzutreten, wird erstaunlicherweise kaum genutzt, Sänger und Sängerinnen sind ebenfalls selten, in Lüneburg waren es acht. Besser sieht es bei den klassischen Musikinstrumenten aus. „Das Klavier ist eine Bank”, sagt Gerd Baumgarten, immerhin zwei Dutzend Teilnehmer/innen kamen in die Musikschule, bei den Blas- und den Streichinstrumenten ist die Resonanz seit Jahren stabil.

„Das hängt auch stark von den jeweiligen Musiklehrern ab”, sagt Gerd Baumgarten, er nennt Beispiele: Die Musikschule Lüchow-Danneberg stellt viele Cellisten, Oboisten kommen meistens von Friederike Stückrath, Andreas Vesper ist bei den Blechbläsern besonders aktiv. Ein bisschen wehmütig blickt der „JuMu”-Leiter auf den vergleichbaren Wettbewerb „Jugend forscht” – der läuft, anders als bei den Musikern, generell über die Schulen, da ist die Zahl der potenziellen Teilnehmer von vornherein ungleich größer. Von dem Musikwettbewerb dagegen wissen so manche Eltern oft gar nichts.

Generell gilt: Musikschulen in der Fläche haben es heutzutage schwer. In Lüneburg gibt es für den Unterricht zum Teil Wartelisten, in Uelzen, Winsen und Lüchow nicht. Der Regionalwettbewerb Celle wurde gestrichen. „In München-Nord dagegen haben sich 250 Pianisten angemeldet”, so Baumgarten, „da läuft Jugend musiziert nun eine ganze Woche.”

Am Ende wurden in Lüneburg 66 erste Preise vergeben, immerhin 22 Schülerinnen und Schüler holten sich das Ticket für den Landeswettbewerb.

Von Frank Füllgrabe