Szene mit Markus Brück (als Ford, links) und Ambrogio Maestri (Falstaff). Foto: Monika Rittershaus

Der Mann fürs Grobe

Hamburg. Freitag ist Karaoke in „The Boars Head“. Täglich aber verspricht die Tafel an der Pub-Fassade „Full Menu“. Der dicke Falstaff frisst heute vor dem Lokal, schlürft Austern und kippt sich Schampus in den Wanst. Gier geht bei ihm längst vor Genuss. Chronisch pleite ist der Schnorrer, von besseren Tagen blieb der Anspruch auf Fettlebe. Wie der Polterkopf den Rest seines Rufs ruiniert, das spielt Giuseppe Verdi in seiner letzten Oper als bitteren Spaß durch. Wie drastisch sich das Spektakel zuspitzen lässt, zeigt Calixto Bieito in seiner Inszenierung für die Staatsoper Hamburg. Das gefällt nicht allen.

Freude auf ein Buhkonzert

Calixto Bieito wird gern als Skandalregisseur gehandelt. Aufmerksamkeit ist garantiert – „arte“ dreht mit an diesem Abend. Gralshüter der Tradition erfreuen sich an Bieito-Abenden schon vor Beginn an der eigenen Empörung. Bieito wird am Ende seiner grotesken Tragikomödie ein Buhkonzert bekommen, Jubler werden dagegenhalten.

Aber ach je, beides lohnt doch gar nicht. Bieitos „Falstaff“ ist bunt, gegenwärtig, mit Spott überzogen, manchmal komisch, manchmal arg plakativ, sehr direkt und alles andere als ästhetische Feinkost. Brutalrealo Bieito bürstet Sehgewohnheiten gegen den Strich, unterm Strich ist das durchaus unterhaltsam. Überwältigend aber ist die Inszenierung nicht, das ist die Qualität der Solisten.

Einen Pub irgendwo in Brexitannien oder Irland hat Susanne Gschwender auf die Bühne gestellt. Der Pub dreht sich, öffnet sich ins Innere. Im Laufe des Abends wird der Pub wie Falstaff entblättert. Schöne Pointe: Überm Tresen flimmert eine Glotze, zu sehen ist Falstaff als fröhlicher Fernsehkoch. Was immer er aber jetzt anrührt, es brennt an. Falstaff ist im Nu das Opfer seiner Intrige, gleich zwei reiche Frauen mit Liebesschwüren zu erobern – um an ihr Geld zu kommen.

Bieito lässt die Männer allesamt als Deppen dastehen. Sie sind cholerisch, besoffen, unbeholfen, naiv und lächerlich. Die Frauen nehmen die Kerle nicht weiter ernst. Für Falstaff aber, den Tor mit Totalschaden, bleibt beim Regisseur eine Restsympathie oder wenigstens Mitleid. Das liegt aber auch an seinem kolossalen Darsteller. Ambrogio Maestri bringt die Statur für die Rolle mit, eine geradezu selbstlose Spielfreude und vor allem eine Donnerhall-Stimme, die alle Facetten von Größenwahn bis leerer Verzweiflung ausdrückt. Maestri trägt den Abend.

Solisten retten die Inszenierung

Alle Intrigenfäden laufen bei Alice bzw. der sehr präsenten Maija Kovalevska zusammen, aber für sie hat Verdi keinen ganz überragenden Auftritt komponiert. Der Melodienstrom führt ohnehin nur zu wenigen gänzlich ausgeformten Arien, eher zu komplexen Ensembles. Eine Arie aber, die innigste, gehört Nanetta, der jungen Liebenden im Internatskostüm. Nanettas Elfenpart formt Elbenita Kajtazi zum zärtlichsten Moment eines sonst brausenden Abends aus.

Dass dieser „Falstaff“ musikalisch mächtig auftrumpft, liegt wesentlich an Dirigent Axel Kober. Als Gast drückt der Generalmusikdirektor der Deutschen Oper am Rhein mit dem Philharmonischen Staatsorchester auf die Tube. Es braucht starke, große Stimmen, um sich da zu behaupten. So den Alt von Nadezh­da Karyazina als Mrs. Quickly oder die von Bariton Markus Brück, der den Gatten der in allen Belangen überlegenen Alice cholerisch dastehen lässt.

Der Abend zeigt, wie schwer Komödie ist. Aber es ist eine geworden, eine bitterböse, überladene, bewusst uncharmante und damit eine, an der sich die Geister scheiden. „Falstaff“ steht wieder am 22., 25. und 28. Januar auf dem Spielplan.

Von Hans-Martin Koch