Sonntag , 20. September 2020
Immer neue Bilder formen die Tänzer. Sie führen in eine Welt voller Gewalt und Leidenschaft. Foto: tonwert21.de

Einer, den das Leben zerreißt

Lüneburg. An diesem Abend entsteht ein Sog. Ein Strudel aus Bewegung, Bildern, Klängen, Farbe, Licht und schwarzem Nichts. Aus Leidenschaft, Sehnsucht und Gewalt. Zwei Stunden zieht „Caravaggio“ in Bann. Betörend, manchmal verstörend, irritierend. „Caravaggio“ ist der neue Tanzabend von Olaf Schmidt am Theater Lüneburg. Er fordert Tänzer, Musiker, Publikum heraus und ist an Intensität nicht zu überbieten.

Kaum ein Künstler bietet so viel Raum fürs Stricken von Legenden. Michelangelo Merisi, nach seinem lombardischen Heimatort Caravaggio genannt, führte ein Leben als künstlerisches Genie und menschlicher Vulkan. Bis heute steht die Welt fasziniert vor seinen Bildern, auf denen Menschen der Straße zu Heiligen werden. Und schaudernd vor den Abgründen eines Mannes, der als Mörder aus Rom flüchtete.

Bewegliche Wand trennt Licht und Dunkel

Olaf Schmidt und Dramaturgin Christina Schmidt lösen sich von aller Spekulation. Sie erzählen die Geschichte von Aufstieg und Sturz auf nahezu abstrakte, aus der Zeit gelöste Weise. Alle Szenen steigen aus Innerem empor, aus den Gemälde, aus der Psyche. Alles, was an Erzählung zu sehen ist, wird dem Maler zur Inspiration – wie Menschen, die sich auf der Straße verkaufen.

Auf der Bühne trennt eine bewegliche Wand Licht und Dunkel. Der von Manuela Müller entworfene Raum bietet wie Gemälde Caravggios kein Drumherum. Ein Tuch, rot wie Blut, Liebe und Gewalt, wird zum Symbol der fesselnden und entfesselten Emotionen. Das Bühnenbild konzen­triert den Blick aufs Wesentliche, wie auch das Licht (Dirk Glowalla), der Einsatz von Farbe und Kostümvielfalt (Susanne Ellinghaus).

Dass dieser Abend so eine Sogwirkung erzielt, liegt an der Flut von Bildern, die Schmidt mit seiner brillanten Compagnie auflaufen lässt. Unerschöpflich scheint das Repertoire an körperlicher Ausdruckskraft. Das Ringen, Abstoßen und Annähern zwischen Caravaggio (Pau Pérez Piqué) und dem „Anderen“ (Wallace Jones), seinem finsteren Alter Ego, zieht sich durch den Abend.

Tänzer formieren sich zu Gemälden der Renaissance

Sensationell, anders ist das gar nicht zu sagen, ist der Malstrom an immer neuen menschlichen Tableaus, die wie eingefrorene Renaissance-Gemälde dastehen. Man mag sich nicht sattsehen an diesen Bildern, geformt von Piqué und Jones sowie Sarah Altherr, Júlia Cortes, Rhea Gubler, Gabriela Luque, Claudia Rietschel, Wout Geers und Phong Le Thanh. Lange habe ein „Caravaggio“-Ballett in ihm geschwelt, sagt Olaf Schmidt. „Ich brauchte die richtigen Tänzer. Jetzt habe ich sie.“

Was diesen Abend noch so mitreißend macht, ist der Strom aus – technisch mal leicht unterstützter – Musik. Ein Strom, der dank Ulrich Stöcker und den bläserfrei besetzten Symphonikern mit den Bildern fließt. Ideal ins Konzept passt in seiner Abstraktion des Vorgegebenen vor allem Max Richters Vivaldi-Adaption „The Four Seasons – Recomposed“: mal serieller Strudel, mal Ambient-Sound, mal barocke Fülle. Das Orchester zeichnet sich aus, allen voran Markus Menke (Violine) und Daniel Munck (Cello).

Schmidt bricht aber den Rausch auf, den er auslöst, und da bekommt der Abend tatsächlich einen Bruch. Als Penner und als Engel mit kitschig überdimensionierten Flügeln schreiten wiederholt Statisten über die Bühne, verharren, ziehen weiter. Ihr Erscheinen lässt sich wie vor der Pause die albernden Gag-Szenen in viele Richtungen deuten. Aber ob sie diesen wunderbaren Abend stärken oder seine Dichte und Konzentration nicht doch stören? Das entscheide jeder, der sich dieses Tanztheater-Ereignis nicht entgehen lässt.

Der Beifall für die „Caravaggio“-Uraufführung ist gewaltig und wird es wieder sein am 31. Januar, 2. Februar und allen weiteren Abenden.

Von Hans-Martin Koch