Die eindrucksvolle Lichtgebung Caravaggios findet sich auch in der Ballettinszenierung wieder. Foto: t&w

Helles Licht, schwarze Schatten

Lüneburg. Auszug aus dem Polizeiregister: Verprügelung eines Kollegen, Gefängnis wegen tätlicher Beleidigung, Bewerfen eines Kellners mit einem Teller Artischoc ken, eines Wachmanns mit Steinen, Verletzung eines Nebenbuhlers und dann 1606 Tötung eines Mannes im Streit. Das ist die eine Seite des Michelangelo Merisi. Die andere ist die eines der genialsten Künstler der Geschichte, genannt Caravaggio. Dem Mann mit den zwei Seiten widmet Olaf Schmidt sein neues Ballett: „Caravaggio“ wurde am Sonnabend im Theater Lüneburg uraufgeführt.

Caravaggio (1573-1610) war offensichtlich ein beängstigend Aufbrausender und ein Abenteurer, zugleich ein Verehrter und ein Pionier. In Rom malte er den Heiligen Matthäus und gab ihm das Gesicht eines Bettlers, den er von der Straße holte. Als er nach seiner Flucht aus Rom in Neapel aufgenommen wurde, malte er die sieben Akte der Barmherzigkeit, und wieder tragen die Menschen das Antlitz von den Armen aus den Gassen.

„Ich brauchte dafür die passenden Tänzer, ich habe sie jetzt." - Olaf Schmidt, Ballettdirektor

Caravaggio idealisierte die Mächtigen nicht und auch nicht die Heiligen. Er eckte an. Sein nackter Realismus, seine dramatischen Hell-Dunkel-Kontraste, sein Verzicht auf Ausschmückung, all das machte ihn zu einem kühnen Gestalter von neuen Bildwelten. Werk und Leben des Künstlers aus der Zeit zwischen Renaissance und Barock reizten Olaf Schmidt seit Jahren. „Ich brauchte dafür die passenden Tänzer, ich habe sie jetzt“, sagt Lüneburgs Ballettdirektor.

Zunächst schwebte ihm vor, eine Art Biographie zu gestalten. „Aber zu viele Geschichten über ihn sind nicht belegt“, sagt Schmidt und feilte mit seiner Dramaturgin Christina Schmidt an einem Libretto, das nun von den Bildern und ihrer Dramatik ausgeht. Auch darüber lässt sich eine Chronologie von Aufstieg und Sturz, von hellen und dunklen Seiten, von Leidenschaft, Sinnlichkeit und Gewalt erzählen – in 28 Szenen.

Begleitung durch die Lüneburger Symphoniker

Schmidt und Schmidt, die namens- und in Sachen Ballett wesensverwandt sind, arbeiten seit rund 25 Jahren immer wieder zusammen. „Man braucht bei der Stückentwicklung einen Partner“, sagt er. „Wir sprechen eine Sprache“, sagt sie. Christina Schmidt ist fest am Theater Regensburg engagiert, kommt also als Gast nach Lüneburg. Wie Manuela Müller (Bühne) und Susanne Ellinghaus (Kostüme), auch sie zählen schon lange zum engen Kreis der Olaf-Schmidt-Vertrauten.

Der Choreograph Schmidt wird seine eigene Sprache finden, ohne Rückgriff auf die in der Zeit verankerten Schreittanz-Formen. In der Musik ist es etwas anders: Da wählte Schmidt vor allem Werke aus, die auf zeitgenössische Weise das Alte aufgreifen, etwa Max Richters Fassung von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Ulrich Stöcker wird die Lüneburger Symphoniker leiten.

Das Interesse an „Caravaggio“ ist groß. Eine Matinee zum Stück lief vor voll besetztem Großen Haus, die Premiere war ausverkauft. Bis zum 24. April folgen elf weitere Vorstellungen.

Von Hans-Martin Koch