Dienstag , 29. September 2020
Kuratorin Dr. Daniela Sannwald präsentiert Porträts von Berlinale-Fotograf Gerhard Kassner. Foto: t&w

Filmstars sind immer öffentlich

Lüneburg. Sie waren alle da bei der Berlinale: die Loren und die Deneuve, die Cardinale und die Lollobrigida, Alain Delon und Lauren Bacall im Kuss, James Stewa rt, George Clooney, Johnny Depp und und und. Und jetzt sind sie hier, beim Posieren, beim Feiern, bei den Fans – auf 300 Fotos. Die 70. Berlinale steht vor der Tür, und die passende Ausstellung läuft in der Lüneburger KulturBäckerei, vom 19. Januar bis 8. März.

Gut 100 000 Fotos hat Dr. Daniela Sannwald für die Ausstellung „Zwischen den Filmen – Eine Fotogeschichte der Berlinale“ gesichtet. Ausgangspunkt war die Deutsche Kinemathek in Berlin, das Museum für Film und Fernsehen. Sannwald, freie Filmhistorikerin und Ausstellungsmacherin, arbeitet oft für die Einrichtung. Als sie dort den 15 000 Negative umfassenden Nachlass des 2012 gestorbenen Pressefotogafen Mario Mach aufarbeitete, kam die Idee: Daraus muss man etwas machen. Mario Mach hatte die Berlinale von den Anfängen bis in die 90er-Jahre begleitet.

Mini-Studio im VIP-Bereich

Also zog die Kuratorin tiefer ins Archiv, stieß unter anderem auf die Aufnahmen von Heinz Köster und von der exzentrischen Erika Rabau. Sannwald zog Berlinale-Fotografen dieser Tage hinzu. Zum Beispiel Gerhard Kassner, der im VIP-Bereich der Berlinale ein Mini-Studio aufstellt. An die 2000 Künstler hat er dort im Minutentakt aufgenommen, Schauspieler, Regisseure, Produzenten etc. Eine Auswahl hängt jetzt im Artrium von der Decke – einer von vielen Blickfängen dieser Ausstellung. Kassner wird zur Eröffnung kommen, ebenso Dieter Kosslick, der die Berlinale von 2001 bis 2019 leitete.

Kristin Halm und Dr. Daniela Sannwald beim Aufbau der Ausstellung. Foto: t&w

Erzählt wird keine Geschichte über Filme, sondern eine über das mindestens so wichtige Drumherum. Die von Daniela Sannwald mit KulturBäckerei-Projektmanagerin Kristin Halm für Lüneburg realisierte Ausstellung umfasst neun Kapitel: Stars, Fans, Partys, Paare, Mode, Presse, Stadt, Politik, Bären.

Filmfestspiele sind bei allem Qualitätsbewusstsein für gutes Kino ein Ort des Schaulaufens, ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. „Stars sind nie privat, wenn sie fotografiert werden. Sie sind immer öffentlich“, sagt die Kuratorin. Auch bei den Partys, bei Empfängen, beim Essen, schon gar nicht bei der Begegnung mit den Fans. Die Menschen klettern Fassaden empor, um einen Blick auf die Stars zu erhaschen, etwa 1964 bei Sidney Poitier an der Kongresshalle, oder sie drängen sich wie die Fotografen in mehreren Reihen am roten Teppich, hoffen heute auf ein Selfie mit Johnny Depp oder mit wem auch immer.

Glanz und Glamour für das graue Berlin

Die Ausstellung lässt sich als heiteres „Erkenne den Star“-Raten besuchen. Sie leistet aber mehr, erzählt ein Stück Bundes-, vor allem Berlin-Geschichte, auch eine der Mode. Deutlich wird die Bedeutung der Berlinale für die gebeutelte, von der freien Welt getrennte Stadt. Für einige Tage, damals noch im Sommer, flog die weite Welt in die ummauerte Stadt ein und brachte Glanz und Glamour ins Grau. Sogar die Polizei trug weiße Gala-Uniform, wenn sie Weltstars eskortierte oder Straßen sperrte.

Früh entdeckt die Politik die Werbewirksamkeit des Festivals. Willy Brandt als Regierender Bürgermeister posiert 1959 mit Sophia Loren, 1966 mit Douglas Fairbanks. Bundeskanzlerin Angela Merkel sitzt 2011 neben Wim Wenders in der ersten Reihe. Das kommt immer gut, genauso wie Aufnahmen mit Symbolcharakter. „Eins, zwei, drei“-Regisseur Billy Wilder und Schauspieler Horst Buchholz posieren vor dem Brandenburger Tor. Julia Roberts und Sally Field halten auf der Mauer Händchen mit Grenzsoldaten.

Die meisten Aufnahmen sind schwarzweiß. Das unterstreicht den dokumentarischen Charakter, wirkt aus heutiger Sicht wie eine künstlerische Patina, weckt Erinnerungen. Die Ausstellung lief vor einem Jahr in der Deutschen Kinemathek in Berlin. Dazu erschien ein sehr informatives Begleitbuch. Es passt auch zur jetzt für Lüneburg neu konzipierten, in Kunsthalle und Artrium verteilten Präsentation.

Zur Eröffnung am Sonnabend, 18. Januar, um 18.30 Uhr sprechen unter anderem Dieter Kosslick, Dr. Rainer Rother, künstlerischer Leiter der Deutschen Kinemathek, und Kuratorin Dr. Daniela Sannwald. Das Scala-Kino startet am Sonntag, 19. Januar, um 11 Uhr ein Begleitprogramm. Dieter Kosslick wird seinen Lieblingsfilm „Happy-Go-Lucky“ vorstellen.

Von Hans-Martin Koch