Samstag , 24. Oktober 2020
Jackie Thomae im Dialog mit Moderator Alexander Solloch. Foto: t&w

Es gibt kein glattes Leben

Lüneburg. Mick fliegt das Leben um die Ohren. Er weiß nicht, was er will. Er lebt wild, ist dauernd pleite, tanzt durch die Nacht, döst durch den Tag, lässt sic h auf ein gefährliches Abenteuer ein. Gabriel dagegen weiß, was er will. Er macht Karriere, genießt seine Wichtigkeit, das Leben läuft rund. Bis es doch explodiert. Er flippt aus, urplötzlich, ein kurzer Ausbruch ungeahnter Aggression kickt ihn aus der Bahn. Mick und Gabriel sind „Brüder“, sie wissen nichts voneinander. Ihre Geschichte stellte Jackie Thomae jetzt im Heine-Haus vor.

Thomae führt mit Mick in ein hedonistisches, brodelndes Berlin der 90er Jahre, mit Gabriel in die Jahre nach 2000 in Boomtown London. Teile ihrer eigenen Geschichte fließen mit ein, sagt die 1972 in Halle geborene Schriftstellerin. Sie hat wie ihre Romanmänner einen afrikanischen Vater, der in der DDR studierte, den sie beim Aufwachsen nicht sah. Es zog sie früh nach Berlin, sie durchlebte Partyjahre. Sie kennt auch London und die Lokale, in denen schon mal Mick Jagger ein paar Tische weiter sitzt – wie im Roman.

Ein Buch, das Fragen aufwirft

„Brüder“, sagt ein gut vorbereiteter Moderator Alexander Solloch, lese sich leicht und beschwingt, werfe aber viele Fragen auf. Jackie Thomae schreibt über Menschen, die ihren Weg ins und durchs Leben suchen. Das gilt nicht nur für Mick und Gabriel. Micks Mutter Monika wird in ihrem Prozess der Selbstbehauptung durch scheiternde Beziehungen begleitet. Gabriels Mutter ist früh gestorben, seine Frau Fleur bekommt einen eigenen Erzählstrang.

Fast sind es zwei Romane, die Jackie Thomae auf 380 Seiten unterbringt. Zuerst erzählt sie auktorial, also aus Sicht der Erzählerin, das Leben Micks, in dessen Dasein es lange genügt, wo die nächste Party läuft. Im Jahr 2000 bricht die Geschichte ab. Personen und Form des Romans ändern sich. Thomae wechselt zu Gabriel und seiner Frau Fleur, die im Wechsel als Ich-Erzähler auftreten. Auch Idris, beider Vater, wird in den klug komponierten, spannend zu lesenden Roman mit eingeflochten. Und es gibt eine Art Auflösung am Ende.

Autorin ist nah an der Zeit 

Das Leben Micks und Gabriels nicht parallel zu erzählen, mag irritieren, macht aber Sinn. Sie führen nun mal getrennte Leben. Jackie Thomae beschaut, wie Menschen zu dem werden, was sie schließlich sind. „Brüder“ besticht, weil die Autorin so nah an der Zeit ist, weil sie das Leichte mit dem Schweren verbindet, weil sie nicht wertet und ihre Männer bei all ihren Macken spürbar mag. Manche Themen wie das Leben mit dunkler Hautfarbe führt sie fast beiläufig ein.

In einem Interview zu ihrem Roman, der auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand, sagte Jackie Thomae: „Und ja, warum soll man sich nicht einmal in den Sand legen und sich unterhalten lassen?“ Das leistet der Roman, und es darf ja auch das Sofa sein.

„Brüder“, gut besucht, war Auftakt der Literaturbüro-Reihe „Ausgewählt“. Unter dem Motto steht am 24. März ein Lyrik­abend mit Carl-Christian Elze, Nadja Küchenmeister und Kerstin Preiwuß sowie Moderator Michael Braun.

Von Hans-Martin Koch