Ole Ohlendorff stellt in der Galerie Esfandiary ein Best of seiner Porträtreihe aus - hier des Grafikers und Beatles-Freundes Klaus Voormann. Foto: oc

Weiterreichen des Feuers

Lüneburg. Die Regler hoch, die Bässe sollen wummern, die Gitarren dürfen kreischen. Ole Ohlendorff taucht ein in Metal, Beat und Rock’n’Roll. Er mag es laut, er braucht die Seele, den Rhythmus, den Kern. „Dann arbeitet es sich richtig“, sagt der Mann, der die „Dead Rock Heads“ malt und längst auch die lebenden Legenden. 150 tote Rockstars hat Ohlendorff bisher verewigt und dazu Porträts von 185 Lebenden geschaffen. Ein „Best Of“ hängt jetzt in der Galerie Esfandiary an der Dorette-von-Stern-Straße.

„Das ist hier ‚back to the roots‘“, sagt der Winsener, der wieder in Winsen lebt, aber in Lüneburg sein Lebensthema fand. Er streifte zuvor als Polizist über den Kiez, schmiss den Beamtenstatus über Bord, zog um die Welt, mutierte zum Rocker und Roadie, malochte auf der Werft, und in den 80ern, seinen Lüneburger Jahren am Stint, griff er zum Stift. Detailverliebt und penibel genau zeichnete er Motorräder, die „Easy Riders“ der Zeit. Seine erste Ausstellung hing im Restaurant im Tennispark, das passte überhaupt nicht. Aber irgendwie fängt es ja immer an.

John Lennon war der erste der „Dead Rock Heads“, das war 1996. Wer kam nicht alles dazu: Jimi Hendrix, David Bowie und Tom Petty, Johnny Cash und Johnny Winter und immer mehr. Später folgten die Lebenden von Udo Lindenberg über Klaus Voormann bis Alice Cooper. Als Neorealismus bezeichnet Ohlendorff seinen Stil. Okay. Pop-Art passt noch besser. Die Porträts, alle überlebensgroß im Format 80 x 130, wirken wie aus dem Leben geschnitten. Lauter Gesichter, die Geschichten von intensiv gelebtem Leben erzählen. Allein der Faltenwurf im Gesicht von Keith Richards…

Liebe zum Detail als Charakteristikum

Ohlendorff gibt den Stars mit Accessoires oft ein kleines Narrativ mit, die Bilder sollen was erzählen. Bei John Lennon liefert der „Daily Mirror“ vom 9. Oktober 1980 die Schlagzeile: „Death of A Hero“. Das Bild von Kurt Cobain, der sich vor 25 Jahren erschoss, wirkt wie von der Schrotflinte übersät. Manchmal sind es Kommentare, manchmal Gags: Wolfgang Niedecken bekommt einen BAP-Button und einen vom 1. FC Köln aufs Revers. Ringo Starr spreizt die Finger zum Peace-Zeichen, das macht er immer.

An diesem Abend in der Galerie hat sich Ohlendorff ein Sakko übergeworfen – soviel Seriosität soll sein. Dazu trägt er eine dunkle Sonnenbrille – soviel Coolness muss sein. Reihenweise Rocker und Rockmusiker sind gekommen, lauter Weggefährten und die Politikerin Monika Griefahn, sie hat ihm in kritischer Situation mal sehr geholfen.

Chris Thornton, einer der besten Gitarristen weit und breit, spielt Hendrix’ „Voodoo Child“ von 1968 an. Aus dem Off huldigt Steffi Stephan vom Panikorchester das Ohlendorff-Oeuvre als „krassen Gegenentwurf zur Ikonomanie des Selfie-Zeitalters“. Gut gebrüllt, Löwe!
Ausschließlich Typen sind in der Ausstellung zu sehen. Einige der großen Rockfrauen hat Ohlendorff aber auch gemalt, etwa Janis Joplin – in einer Nacht, in der kam noch Frank Zappa hinzu. Muss ein spannender Musikmix gewesen sein. An anderen Bildern sitzt er länger – „das ganze Leben“. Immer packt Ohlendorff sein eigenes Gefühl in die Bilder, alles zwischen Trauer und Fröhlichkeit. Ohlendorff malt nur Rockstars, deren Musik zu ihm spricht. Meist sind es die etwas Lauteren.

Eigene Gefühle werden mitverpackt

Als „Kniefall vor den Großen“ bezeichnet Ohlendorff sein Sujet, für das er eine Formel nennt: „Lebensgefühl trifft Erinnerungskultur“. Dann folgt der Satz für die Zukunft, wenn er vom „Weiterreichen des Feuers“ spricht. Sowas in der Art hat schon Konfuzius gesagt. 2009 zeichnete der Landkreis Harburg Ohlendorff mit dem „Blauen Löwen“ aus. Ausstellungen hatte er in Wacken, in der Millerntor Galerie, bei der Musikmesse Frankfurt, im rock’n’popmuseum Gronau und so weiter. Ohlendorff hat sich quer über die Republik einen guten Ruf ermalt. 61 Jahre zählt der Winsener jetzt – „never too old to rock’n’roll“.

Die Ausstellung „Between Heaven & Hell. Rocklegends – Dead or Alive“ hängt bis zum 31. Januar in der Galerie, dienstags bis sonnabends 11 bis 17 Uhr. Ole Ohlendorff, der eigentlich Andreas heißt, ist täglich vor Ort. Und hoffentlich dreht er die Regler hoch, mit Musik wirken die Bilder doppelt.

Von Hans-Martin Koch