Samstag , 26. September 2020
Rafik Schami ist einmal mehr Gast von Lünebuch. Foto: t&w

Ein großer Fabulierer

Lüneburg. Der deutsch-syrische Schriftsteller Rafik Schami, der 1970 aus seinem Heimatland Syrien floh und seit 1971 in Deutschland lebt, hat in seinem beeindruckenden literarischen Schaffen schon viele Genres bedient. In seinem aktuellen Roman „Die geheime Mission des Kardinals“, der bei Hanser erschienen ist, bildet eine Kriminalgeschichte die Kulisse für das Buch. Am Dienstag, 4. Februar, liest Rafik Schami ab 20 Uhr im Filmpalast Lüneburg auf Einladung von Lünebuch aus eben dieser Erzählung.

Die Geschichte spielt 2010, also noch vor dem syrischen Bürgerkrieg. Die italienische Botschaft in Damaskus bekommt ein Fass Olivenöl geliefert. Darin liegt die Leiche eines Kardinals. Kommissar Barudi, kurz vor der Pension, will dieses Verbrechen unbedingt noch aufklären. Aufgrund der religiösen wie politischen Brisanz des Falles wird ihm Kommissar Mancini aus Italien zur Seite gestellt. Die beiden Ermittler werden Freunde und finden schnell heraus, dass der Kardinal auf einer geheimen Mission in Syrien unterwegs war. Aber auf welcher? Und warum musste er sterben?

Kritik am Regime und an der Korruption 

Rafik Schami, promovierter Chemiker, nutzt die Kriminalgeschichte als Grundierung für seinen Gesellschaftsroman. Er lässt immer wieder seine Liebe zum Land seiner Geburt durchblicken, kritisiert aber gleichzeitig das Regime und die alles beherrschende Korruption.

Zentrales Motiv seines Romans ist die Religion, präziser gesagt: sind die Religionen. Schami, der selbst einer christlich-aramäischen Minderheit in Damaskus angehörte, stellt später auch in größeren Zusammenhängen die Frage, warum speziell das Christentum und der Islam nicht zumindest friedlich nebeneinander koexistieren können. Er hinterfragt den jeweiligen Allmachtsanspruch der beiden Weltreligionen und prangert den Schindluder an, der in deren Namen betrieben wird – inklusive politischer Ränkespiele. Ein immer wieder aktuelles Thema, das Schami sehr gut umsetzt. „Die geheime Mission des Kardinals“ ist auch ein Buch über Glaube, Liebe, Aberglaube – und deren Fliehkräfte in der konfliktreichen syrischen Gesellschaft.

Rafik Schami, dessen Werk in mittlerweile 33 Sprachen übersetzt wurde, ist ein großer Fabulierer. Er setzt viele Sidesteps in seinem Plot, zeichnet seine Charaktere sehr genau und behutsam, schmückt aus, kommt manchmal vom Hundertsten ins Tausendstel. Darauf muss man sich einlassen. Wer auf straight durchkomponierte Geschichten setzt, könnte an der ein oder anderen Stelle ungeduldig werden. Wer sich aber auf die Erzählkunst Schamis einlässt, liest einen wunderbaren – und lehrreichen – Roman.

Rafik Schami: Die geheime Mission des Kardinals. Hanser Literaturverlage, 432 Seiten, 26 Euro.

Von Matthias Sobottka