Mittwoch , 5. August 2020
Hautnah zum Orchester sitzt das Publikum im Bleckeder Haus. Foto: phs

Konzert mit Guter-Laune-Garantie

Bleckede. Los geht es schneller als die Feuerwehr. Das Publikum ist noch gar nicht verstummt, einige Musiker ruckeln noch ihren Stuhl zurecht, schon braust – pr esto, presto! – Musik durchs pickepackevolle Bleckeder Haus. Pauke wirbelt, Becken zischt, Streicher rasen, Blech schmettert, Holz jubiliert. Dvoráks erster „Slawischer Tanz“ (op. 46 Nr. 1) zieht mit C-Dur-Glanz hinein ins 27. Neujahrskonzert, das der Kultur- und Heimatkreis Bleckede ausrichtet. Das Göttinger Symphonie Orchester startet ein „Feuerwerk“. Dirigent Nicholas Milton zündet es an. Der Mann ist ja selbst eine Rakete.

Milton steht seit August 2018 an der Spitze des Orchesters. Das tourt wie in jedem Jahr mit einem furiosen Programm durchs Land. Am Sonntag spielten die Göttinger morgens in Uelzen, nachmittags in Unterlüß. Am Dienstag steht Wunstorf auf dem Plan, es folgen Alfeld und Osterode. Die Göttinger sind das reisende Symphonieorchester für Niedersachsen. Bleckede bespielten sie schon zu Zeiten des „Musikalischen Frühlings“, ebenso die Lüneburger Meisterkonzerte.

Dirigent mit Spaß am Nonsense

Neujahrskonzerte sind für einen prickelnden Start ins Jahr zuständig. Jede Menge Walzer und Polka muss es geben, ein bisschen Operettiges, ein kleines Innehalten und am Ende unvermeidlich und unbedingt den Radetzky-Marsch. Selten ist bei aller Belastung ein so gelauntes Orchester zu erleben wie an diesem Abend. Und auch nicht oft ein so amüsiertes Publikum. Das macht Milton.
Der Dirigent aus Australien fordert von seinem Orchester noch im größten Gebraus ein differenziertes Spiel, er ist zugewandt, er befeuert, dämpft, akzentuiert, er tanzt die Partituren geradezu aus. Und dazu besitzt er einen Humor, den man britisch nennen möchte. Wenn es mal mit der Musik nicht mehr klappt, was nicht passieren wird, aber wenn irgendwie doch, dann kann er als Comedian auf die Bühne kommen. Milton bringt als Moderator, auch mal beim Dirigieren, unendlichen Spaß am Nonsense, am Absurden, an Selbstironie ein.

Zweimal setzt er sich als Solist in Szene. Beim Jockey-Polka von Josef Strauss, dem jüngeren Bruder von Walzerkönig Johann, knallt Milton die Peitsche, eine Art Klappe, wie sie früher beim Sport als Startsingnal genutzt wurde. Er sei beim Peitschenknallen der Zweitbeste nach einer Frau aus Aserbeidschan, kalauert Milton. Später trägt er zu einem Trommelwirbel verdeckt einen „Amboss“ herbei, auf dem er die gleichnamige Polka hämmert – natürlich als Weltmeister.

Originell geht es oft zu. Die Ratschen in der „Plappermäulchen“-Polka gehören dazu und die „hinternwackelnde“ Liebe im Bleckeder Wald bei der „Libellen-Polka“. Milton hat auch noch, sagt er, die Vogelstimmen für die „Krapfenwald-Polka“ vor Ort eingesammelt. Es zwitschert und kuckuckt in dem musikalischen Spaß jedenfalls gewaltig.

Cellist begeistert mit hochsensiblem Ton

Sie können auch anders. Die „Pizzicato-Polka“ wird mit zartem Klang und kleinen Pausen zelebriert, die „schöne blaue Donau“ geschmeidig wiegend in Fluss gebracht. Für das Gefühlvolle steht aber in erster Linie Cellist Valentin Worlitzsch. Er gewann gerade die Position als erster Solocellist des Leipziger Gewandhausorchesters und ist damit ganz oben angekommen. Worlitzsch begeistert in Bleckede mit einem bei aller Fülle hochsensiblen Ton, sei es in einem glitzernden Tschaikowsky-Solo oder in schwelgerischem, nie überzogenem Klang für Saint-Saëns „Schwan“.

Das begeistert wie der gesamte Abend. Wie Dirigent Milton dankt Dr. Matthias Heckerodt als Vorsitzender des Kultur- und Heimatkreises der Volksbank fürs Sponsoring. Die wird aus der Förderung für 2021 wohl kaum rauskommen – wollen. Dieser Abend war einfach zu gut, um ihm nicht eine Fortsetzung zu ermöglichen.

Von Hans-Martin Koch