Kapellmeister Ulrich Stöcke dirigiert die Lüneburger Symphoniker. (Foto: t&w)

Schwerer Fall von Zitheritis

Lüneburg. Am ersten Tag, beim ersten Konzert des neuen Jahres, ist manches anders. Die Karten sind zum Beispiel schnell weg, ohne dass übe rhaupt bekannt ist, was gespielt wird. Sicher: Es wird Walzer geben, Polka, ausgiebig Musik aus dem Hause Strauss inklusive finalem Radetzky-Marsch. Der große Rest aber bleibt vorab ein Rätsel. Neujahrskonzerte besitzen dennoch ansteckenden Charakter, sie sind ein Fall für Stammpublikum. Bei den beiden ausverkauften Konzerten im Theater Lüneburg wurden die Zuhörer zum Ende hin auch noch nachhaltig von Zitheritis befallen – und das mit Begeisterung.

Fast alle Wege führen nach Wien

Ulrich Stöcker und die beschwingt, wie es die Noten verlangen, spielenden Symphoniker füllten fast 150 Minuten. Es ging Schlag auf Schlag, manchmal wehmütig, meistens ausgelassen. Fast alle Wege führten nach Wien, der Walzermetropole, auch wenn der einzige Tanz, den wohl alle aufs Parkett kriegen, seine Ursprünge eher in Westfalen hat. Der „Kaiserwalzer“ von Johann Strauss jr., ein bejubeltes Kernstück des Abends, wurde zudem in Berlin uraufgeführt. Aber die Berliner hatten ja ohnehin ein gewisses Österreich-Fieber, auch das salzkammergütliche „Rössl“ erlebte seinen ersten Sprünge an der Spree.

Ohne Wiener Operette geht es nicht. Dafür stand Franz Lehár mit Liedern aus „Paganini“, der „Lustigen Witwe“ und „Giuditta“. Als Solistin kam Franka Kraneis auf die Bühne, ihr Sopran glänzte mit feiner Tongestaltung. Kraneis reichte zu „Meine Lippen, sie küssen so heiß“ Rosen ins Publikum, die letzte reichte sie dem Dirigenten. Moderator Friedrich von Mansberg würdigte mit bewegten Worten die Sängerin, die seit gut zehn Jahren mit einer enormen Repertoirebreite das Lüneburger Theaterleben bereichert

Ohne Mühen gibt es kein so leicht und locker wirkendes Vergnügen auf der Bühne. Die Symphoniker leisteten an diesem späten Nachmittag bewundernswerte Schwerarbeit, zumal sie am Vortag zum Jahresfinale noch „Singin’ In The Rain“ gespielt hatten. Dass es Kapellmeister Ulrich Stöcker krankheitsbedingt die Stimme verschlagen hatte, glich er dirigierend befeuernd aus. Außerdem hatte er ja Friedrich von Mansberg. Der Chefdramaturg blickte aufs neue Jahr, nahm mit Witz und Zitaten der Weisheit die Sache mit den guten Vorsätzen auseinander, plädierte zudem eindringlich dafür, die nun gestarteten Zwanziger Jahre mit Mut und Zuversicht anzugehen.

Die Zitheritis brach nach der Pause aus. Cornelia Mayer brachte sie aus Wien in den Norden. Sie spielte auf der Harfenzither Soli, mit denen das auf Folklore geeichte Instrument Orchestertauglichkeit bewies. Ein Duett mit Franka Kraneis besaß ebenso Klasse und Charme. Aber für die von Cornelia Mayer diagnostizierte Zitheritis steht ein Film: Orson Welles‘ „Der dritte Mann“, für den der Heurigenmusiker Anton Karas das berühmteste aller Zither-Stücke ersann, das Harry-Lime-Thema. Kein Zither-Konzert ohne diesen Welthit!
So war es ein Konzert mit einigem Erwartbaren, vor allem aber mit vielen Überraschungen. Die Neujahrskonzerte 2021 werden ausverkauft sein.

Von Hans-Martin Koch