Uwe Bremer in Potsdam vor dem Eingang zur letzten Station der Rixdorfer Drucker. (Foto: oc)

Die phantasievollen Vier

Lüneburg. Sie hießen Brücke, Deutscher Werkbund, CoBra oder Zero. Künstlergruppen haben Trends gesetzt, Manifeste verfasst, Politik gemacht. In der Regel bestanden sie als loser, von einer gemeinsamen Idee beflügelter Zusammenschluss von Künstlern, die alle für sich arbeiteten. Am Ende einer Liste wichtiger Gruppen steht bei Wikipedia die Werkstatt Rixdorfer Drucke, gegründet 1963. Die Rixdorfer waren anders, sie arbeiteten zusammen, in Berlin, lange im Wendland, schließlich noch einmal in Berlin. Jetzt ist die wildeste, langlebigste und wohl produktivste Boygroup der deutschen Kunst nach 56 Jahren in Rente gegangen. Das Alter…

Sie waren zu viert, jeder schuf seine eigene Kunst, als Rixdorfer trafen sie sich zum Arbeiten, Streiten und Feiern: Uwe Bremer (heute 79), Albert Schindehütte (80), Johannes Vennekamp (84) und der 2017 mit 80 Jahren gestorbene Arno Waldschmidt.

Die Urzelle lag in der Berliner Oranienstraße 27, Hinterhof. Dort betrieb der Grafiker und Schriftsteller Günter Bruno Fuchs (1928-1977) mit zwei Kollegen von 1959 bis 1962 die Galerie Zinke, ein alternativer Treff für Kunst und Literatur, in dem auch Autoren wie Günter Grass und Günter Kunert auftraten.

In der Zinke entstanden plakatgroße Flugschriften aus Text und Grafik, das Thema der Rixdorfer war gesetzt. Fuchs war 1963 so etwas wie der Mentor der Gruppe, die sich von spontanen Einfällen leiten ließ, von der Lust an Satire und Provokation, von der Liebe zu Poesie und Typografie, dem Spaß an Moritat und Schlagwort, an Avantgarde – und auch mal an Rabatz.

Langlebigkeit war kein Kriterium

Als Fuchs sich 1970 zurückzog, gab es eine Retrospektive der Gruppe, die sich nach einem früheren Berliner Stadtteil benannt hatte. Langlebigkeit war kein Programm, das zu den Rixdorfern passte. Aber langlebig wurde sie denn doch, die „Strategie, Wortsinn, Tiefsinn und Unsinn kunstvoll miteinander zu verbinden“, wie es der Kunsthistoriker Bernd Küster als einer der besten Kenner der Gruppe nennt.

Manches Happening der Rixdorfer wurde Legende, Fakten und Fiktionen lassen sich bei den phantasievollen Vier nicht unbedingt trennen. Zufällig bei einer Vernissage gefundene Briketts zum Beispiel verwandelten sie in eine Kunstaktion, bis die Besucher kohleschwarz herumstanden. Bei einem Empfang des Luchterhand Verlags für Günter Grass trugen die Rixdorfer Künstler das Buffet kurzerhand auf die Straße.

In den 70ern zog es viele Berliner Autoren und Künstler aus der geteilten Stadt heraus. Den schärfsten Kontrast zum Großstadtgetriebe versprach das Wendland, eine Schwundregion mit viel Platz und günstigen Preisen für Haus und Hof. Neue Rixdorfer-Zentrale wurde 1974 Gümse. Dort hatte Uwe Bremer ein ehemaliges Raubrittergut bezogen.

Es erschienen Bilderbögen, Grafikmappen, mitunter wandfüllende Plakate, Kalender und vieles mehr. An die 70 Dichter lieferten Textvorlagen, viele entstanden bei Arbeitsgelagen mit viel Gedrucktem und Geschlucktem. Ab und an mischten sich die Rixdorfer ins gesellschaftliche Geschehen ein: Fremdenfeindlichkeit attackierten sie schon 1991 mit der „Deutschland-Mappe“. 2014 noch widmeten sie sich der Wiederkehr des Wolfs im Wendland.

Hochkarätige Künstler in Gümse

Zu den Autoren, die mit den Rixdorfern arbeiteten, zählen Peter Bichsel, Nicolas Born, Ernst Jandl, Sarah Kirsch, Udo Lindenberg, Peter Rühmkorf, Peter Schneider, Kiev Stingl und Volker von Törne. Auch der Lüneburger Pädagoge und Galerist Heinrich Raumschüssel gehört zu den Weggefährten der Rixdorfer. Politiker von Gerhard Schröder bis Rudi Dutschke, Kabarettisten wie Wolfgang Neuss und Dieter Hildebrandt tauchten im Umfeld auf; auch Kollege Horst Janssen fand den Weg nach Gümse.

Wichtig für die Rixdorfer wurde der Gifkendorfer Verleger Andreas Meyer. Er zeigte früh Sinn und Herz für eine Kunst, die auf heitere Weise, sich Markt und Kritik entziehend, ein Eigenleben führt. Bei Meyers Merlin-Verlag erschienen zahlreiche, oft großformatige Bände der Rixdorfer. Arno Waldschmidt, der Mann mit dem Bleistift, lebte im Sommer in Gifkendorf.

Mit Waldschmidts Tod begann der Abschied. 2017 zog Uwe Bremer und mit ihm das gemeinsame Projekt zurück nach Berlin, in die Potsdamer Straße. Parallel hatten die Rixdorfer seit längerem einen Ort gesucht, der ihr Werk versammelt und pflegt. Fündig geworden sind sie beim Kunstarchiv der Lüneburger Sparkassenstiftung – und in der KulturBäckerei. In deren Druckwerkstatt wird nun mit Letterkästen und -schränken die seit den 70er-Jahren genutzte „Kempewerk Andruckpresse“ stehen – und sollte es doch einen Rücktritt vom Rücktritt geben, die Presse wäre einsatzfähig.

Von Hans-Martin Koch