Sonntag , 20. September 2020
Das berühmte Cover von Pink Floyds „Animals“. (Foto: Aubrey Powell)

Die Herren des fliegenden Schweins

Lüneburg. Das Schwein, das durch Fabrikschlote fliegt; die Kuh, die ihren Kopf zum Betrachter dreht; der Geschäftsmann, der durch einen Händedruck zu brennen beginnt; Kinder, die nackt ein Meer aus Steinen erklettern. Wer die Pop-Kulturgeschichte verfolgt und vielleicht auch miterlebt hat, kennt diese quadratischen Bilder von Pink-Floyd- und Led-Zeppelin-Alben. Geschaffen hat sie Hipgnosis. Ein Name, der Kenner wissend nicken lässt, alle anderen schütteln den Kopf. Im Januar war der Londoner Agentur um Storm Thorgerson und Aubrey Powell eine große Ausstellung in der Kulturbäckerei gewidmet.

Berühmte Kunst im Quadrat-Format

Allein schon der Name: Hipgnosis. John Colton, aus Irland stammender Berliner Galerist, kennt die Geschichte. Colton hat die Ausstellung aus den Tiefen des Londoner Hipgnosis-Archivs kuratiert, in seiner Browse Gallery gezeigt, für Lüneburg erweitert. Colton bringt Syd Barrett ins Spiel, den Musiker von Pink Floyd, der sich früh in den LSD-Nebel verabschiedet hat. Barrett, so geht die wahrhaftige Legende, hat besagtes Wort in die Tür zur Wohngemeinschaft gekratzt, in der er mit Thorgerson und Powell lebte. Die beiden gründeten mit dem Kunstwort die Agentur Hipgnosis und gaben von 1968 bis tief in die 80er der Rockmusik Bilder, die heute zum Teil berühmter sind als die eingehüllte Musik.

Hip, das wollten sie natürlich sein. Gnosis, das kann für Erkenntnis stehen. John Colton spricht das „g“ nicht mit, dann kommt zusätzlich das Hypnotische ins Spiel. Thorgerson und Powell griffen Ideen aus dem Dada auf und aus dem Surrealismus – Dalí, Margritte, Buñuel etc. Die Kuh auf dem Cover zum Beispiel verrät nichts über den Inhalt: Pink Floyds „Atom Heart Mother“ (1970). Die Plattenfirma fand das Cover so ganz ohne Namenszug alles andere als verkaufsfördernd. Aber Thorgerson und Powell setzten sich schließlich durch.

Günter Zint war der letzte Fotograf in fester Anstellung beim „Spiegel“, Volker Hinz der letzte dieser Art beim „Stern“. Sonst haben sie sehr wenig gemeinsam, kennen sich nur flüchtig. „Ich bin der Straßenköter der Fotografie, der am Wegesrand klaut, was zu klauen ist“, sagt Günter Zint von sich. Volker Hinz sei ein Weltbürger, sagt Galerist Siegfried Sander, „er hat das Erscheinungsbild des ‚Stern‘ und unser Bild von der Welt geprägt.“

Eines haben die beiden, Zint (78) und Hinz (72), gemeinsam. Sie dokumentierten „The Golden Age Of Rock‘n‘Roll“, und das ist im September und Oktober im Artrium der Kulturbäckerei angebrochen. Die Rolling Stones an den Landungsbrücken, Mick Jagger in allen Posen des Rockstars, die Beatles vergleichsweise brav mit Schlips und Anzug, Madonna bei einer privaten Performance, Jim Morrison, Annie Lennox und Jimi Hendrix, der beim Fehmarn-Festival vor dem letzten Auftritt nicht recht aus seinem Backstage-Wohnwagen rauswill, wegen der Rocker vor der Tür.

Die dunklen Seiten der Wohlstandsgesellschaft

Günter Zint wurde aber weniger als Fotograf der Rockmusik bekannt, er sieht sich mehr als gesellschaftskritischer „Dokumentarist“. Er fotografierte bei den großen Demos in Brokdorf und Gorleben und auf seinem Handy klebt die „Atomkraft nein danke“-Sonne. Besonders wurde Zint als Mann bekannt, der den Kiez von St. Pauli hoch und runter fotografierte, und als Fotograf der Aktionen, mit denen Günther Wallraff die dunklen Seiten der Wohlstandsgesellschaft ins Licht rückte.

Volker Hinz hat nicht weniger Geschichten auf Lager, sie führen quer durch die Welt. Sein Archiv umfasst rund eine Million Bilder bzw. Negative. Die Rockmusik nimmt da nur einen Teil ein. Seine Bilder seien Ikonen, findet Galerist Sander, der am Zusammenkommen dieser Ausstellung großen Anteil hat.

Markus Lüpertz: Nicht Professor, nicht Doktor solle man ihn nennen. Wenn schon ein Titel, dann Meister. Besser aber einfach Herr Lüpertz oder Markus. Wie auch immer, es ist ein schillernder Künstler, der an diesem Abend, dem 14. November, in der Kulturbäckerei sitzt. Ein Meister der Malerei und Bildhauerei, zweifellos, das lässt sich der Ausstellung in der Kunsthalle ablesen. Ein Provokateur, ein Bohemien, ein Selbstdarsteller.

„Das Lächeln der Mykene“ heißt die von November bis Dezember in der Kulturbäckerei laufende Ausstellung mit Graphik und Skulpturen des heute 78-Jährigen. Zu sehen ist, dass Lüpertz gern zu mythischen und philosophischen Motiven greift. Auf einen Diskurs darüber, auf eine Vertiefung lässt er sich – an diesem Abend – nicht ein. Auf seine Kunst kam das Gespräch kurzzeitig. Der Maler sei für sein Bild nicht verantwortlich, das sei der Betrachter, sagt Lüpertz und verweist auf die vielen und mit der Zeit wechselnden Auslegungen seiner frühen Stahlhelm-Bilder. „Malerei ist keine Propaganda. Wenn sich ein Künstler auf die Politik eingelassen hat, hat er verloren.“ Es ist ein Abend einfacher Einsichten: „Politik ist ein schmutziges Geschäft, Kunst ein sauberes.“ So wurde es mehr ein unterhaltsamer Abend vor allem darüber, wie Lüpertz wurde, was er ist. Und wie er sich schuf. „Ich wollte hübsch sein. Ich wollte intelligent sein. Ich wollte genial sein. Also bin ich es geworden.“ Gegen seine Selbstüberzeugung, vor allem wenn sie mit Eigenironie unterfüttert wird, ist einfach kein Argument möglich. oc