Samstag , 26. September 2020
Die Kantorei St. Johannis unter der Leitung von Joachim Vogelsänger stimmt mit Herzblut auf Weihnachten und die Botschaft von Freude und Frieden ein. Foto: t&w

Musik, um die Welt zu umarmen

Lüneburg. Dieses Gefühl für Weihnachten, es scheint immer später zu kommen, je lauter und früher es propagiert wird. Bratwurstmärkte an jeder Ecke fördern gesel liges Miteinander, was gut ist. Aber was haben sie mit Weihnachten zu tun, abgesehen von schwer verdaulichen „Last Christmas“-Liedern? Trubel und Geschenkewahn um Weihnachten erinnern daran, wie Halloween den Reformationstag in der Wahrnehmung abgelöst hat. Aber dann erklingt das Weihnachtsoratorium und sendet in befremdliche Zeiten eine Botschaft von Freude und Frieden. Sie vermittelte jetzt Joachim Vogelsängers Kantorei St. Johannis in der zweimal voll besetzten Kirche so glaubhaft wie hochwertig.

Befremdliche Zeiten, das gilt für die Bach-Zeit ungleich mehr. Als die erste Kantate 1734 erklang, tobten mehrere Kriege in Europa, wurden Frauen aufs Bestialischste als Hexen verbrannt. In Leipzig führten Gelehrte eine aus heutiger Sicht skurrile Diskussion über Vampire, etwa mit dem „Tractat von dem Kauen und Schmatzen der Todten in Gräbern“. Und in dieses Dunkel sendet der Kantor Bach Licht, das bis heute leuchtet.

Jubelnde Eck-Chöre und Sänger ohne Notenblätter

Sicher ist es für viele ein lieb gewonnenes Ritual, zum Weihnachtsoratorium zu gehen. Und sicher steht das reine Konzerterlebnis bei vielen im Vordergrund. Darum haben die Ausführenden alle Jahre erneut die Aufgabe, das Klangerlebnis auf eine tiefere Ebene zu führen, das Sinnliche mit Sinn zu unterfüttern.

Die Aufgabe wird mehr von den nachdenklichen, warmherzig vermittelten Chorälen übernommen als von den ohne Frage großartigen, jubelnden Eck-Chören, die Vogelsänger und die zum Teil frei ohne Noten singende Kantorei mitreißend singen. Schön, wie sich „Herrscher des Himmels“ aus Verhaltenheit heraus emporhebt.

Noch mehr liegt die Sinngebung beim Evangelisten und den innigen, die Zerbrechlichkeit des Lebens wie in einem Subtext in sich tragenden Alt-Arien. Evangelist Stephan Zelck zieht im freien Vortrag mit präziser Aussprache und einer farbigen, runden, mit emotionalen Werten versehenen Wiedergabe ins Geschehen um Christi Geburt. Auch in der reichlich ausgezierten Arie „Frohe Hirten, eilt“ behält Zelck den Überblick. Das ist wie der ganze Abend von Joachim Vogelsänger klug austariert.

Barockorchester spielt auf historischen Instrumenten

Weniger leicht hat es Helena Poczykowska. Ihre schön angelegte Alt-Stimme und ihr herzensvoller Vortrag vor allem bei „Schließe mein Herze“ wird nicht überall in die Kirche vorgedrungen sein.

Was dem Bass mühelos gelingt. Noten braucht Thomas Laske nur, um die Hände zu beschäftigen, während seine Stimme Temperament und Klasse demonstriert. Er bringt eine zusätzliche individuelle Note ein, indem er seine Bravour-Arie „Großer Herr und starker König“ mit überraschenden Wendungen versieht.

Immer besser hinein in den Abend findet sich als vierte im Solistenquartett Anna Terterjan. Das gelingt ihr bis ins Duett mit dem Bass, mit dem auch die kleine Gruppe der Singschule St. Johannis harmoniert.

Das Hamburger Barockorchester Elbipolis spielt auf historischen Instrumenten. Es ist nicht leicht, mit den Trompeten Tonreinheit zu halten. Es ist – auch stehend spielend – nicht leicht für die Holzbläser, durchzudringen. Aber von beredter Pauke (Frank Hiesler) bis zum wunderbar sensiblen Violinsolo von Jürgen Groß vermittelt sich hohes Werkbewusstsein. Es schwingt in Bachs Musik die Aufforderung mit, die Welt zu umarmen und nicht zu verstoßen. Das ist im Gottvollen wie im Gottzweifel eine Botschaft, die mindestens bis zum Weihnachtsoratorium 2020 tragen sollte.

Von Hans-Martin Koch