Missie (Laura Remmler) und Mary (Birgit Becker) erwarten das Publikum an einem Fahrstuhl der besonderen Art. Foto: t&w

Reise in die Endlichkeit

Lüneburg. Im Jahr 2040 wird die größte Bevölkerungsgruppe in ganz Deutschland von den über 60-Jährigen gestellt. Eine Altenrepublik steht uns ins Haus, doch wie genau könnte die aussehen? In „Bald sind wir alt“ nimmt das Theater zur weiten Welt seine Zuschauer mit in ihre Zukunft und führt sie durch die gesamte Kulturbäckerei. Die Inszenierung des selbst entwickelten Stücks hat die Kölner Regisseurin Laura Remmler als Stationentheater mit viel Liebe zum Detail realisiert.

Wer an das Stichwort Alter denkt, wird meist konfrontiert mit Tod und Krankheit, dem Ganzen haftet eine wenig heimelige Atmosphäre an, auch wenn viele der „jungen Alten“ noch große Pläne haben. Wie also sieht es aus, das Leben mit 60+?

Ganze Bandbreite des Seniorendaseins

Herr Bellmann (Rainer Wurzwallner) und seine Partnerin Mary (Birgit Becker) haben darauf Antworten. Auf ihre Zeitreise nehmen sie die Zuschauer quasi probehalber mit in ihre Institution, eine Mischung aus Altenheim und Sanatorium, in dem freundliche Mitarbeiter ganz in Weiß für einen geordneten Tagesablauf der Insassen sorgen. Die ganze Bandbreite des Seniorendaseins entfaltet sich: Es beginnt mit Pflegetipps von Mary, die auf einer handlichen Liste zusammengestellt hat, wie das Alter nach außen ansehnlicher werden kann, auch wenn es natürlich nicht so einfach ist mit Falten und Co. „Früher haben die Leute mir immer bescheinigt, dass ich viel jünger aussehen würde – inzwischen macht das keiner mehr“, und das bei Mary, die schließlich erst süße 45 Jahre zählt! „Nicht Rauchen und schlafen Sie genug“, schärft sie den Zuschauern ein, bevor auf der nächsten Station des theatralen Rundgangs Beschäftigungstherapie auf dem Stundenplan steht.

Das Allroundtalent der Anstalt

Es werden Verse aus der griechischen Sagenwelt zitiert – passenderweise die Geschichte von Philemon und Baukis, einem liebenden Paar, das nur gemeinsam oder gar nicht sterben wollte. Anschließend wird zusammen gesungen, denn Singen macht froh, wenn auch nicht jeden. Das Allroundtalent der Anstalt, der Auszubildende Rocky (Aron Torka) macht nämlich gerne Musik, nicht aber zusammen mit dem Chef Herrn Bellmann, bei dem der Song Bezug haben muss zur jeweiligen Lebensphase, hier also zum Seniorendasein. Außerdem, so teilt Herr Bellmann dem Publikum mit, tut er noch wesentlich mehr, um die Haltung der Allgemeinheit zu Krankheit und Tod aufzulockern. „Kennen Sie den Totensonntag in Mexiko, wissen Sie wie man den feiert?“, fragt er die Zuschauer. Die dortigen Festivitäten auf Friedhöfen möchte Herr Bellmann mittels einer eigens gegründeten Stiftung auch auf deutsche Verhältnisse übertragen. Und damit das in Zukunft ein bisschen reibungsloser klappt, darf das Publikum jetzt schon einmal überlegen, was denn wohl dereinst auf dem eigenen Grabstein stehen soll. Noch ist das eher vergnüglich, ein bisschen Zeit hat man ja wohl hoffentlich noch, bevor derartige Szenarien Realität werden.

Einsamkeit im Alter ist auch ein Thema

Anders ist das bei Lilli (Agnes Müller), einer der Bewohnerinnen dieser Institution. Sie ist hoch in den Neunzigern und damit wirklich am Lebensende angekommen. Lilli verbringt ihre Zeit damit, Kekse zu backen, Tee auszuschenken und ihre Besucher daran zu hindern, allzu schnell wieder zu verschwinden. Auch Einsamkeit im Alter ist so ein Thema, mit dem man als agiler Best Ager nichts zu tun haben möchte.

Viele Aspekte können den Lebensabend gestalten, doch letztlich gilt, was eine der älteren Mitwirkenden den Gästen per Video mit auf den Weg gibt: „Manchmal ist es einfach gut, dem Alter die Zunge rauszustrecken.“

Weitere Vorstellungen 2020: 17./19./30./31. Januar, 1./13./ 14./15. Februar, jeweils um 19.30 Uhr. Pro Vorstellung gibt es nur 50 Karten, damit jeder bei dem Rundgang alles mitbekommt.

Von Elke Schneefuß