Hermann Schweppenhäuser mit Max Horkheimer in Hamburg bei einem Empfang des „Spiegel“ anlässlich der Verleihung des Lessing-Preises an Horkheimer im Jahre 1971. Foto: privat/Archiv

Sechs Bände voller Wissen

Lüneburg. Die Geschichte der Universität Lüneburg beginnt nicht mit der Leuphana. Das wird nicht völlig verschwiegen, wurde aber in den vergangenen Jahren häufig und völlig unnötig allzu oft dazu benutzt, das Vor-Leuphana-Zeitalter herabzuwürdigen, um die Gegenwart heller leuchten zu lassen. Bei aller Qualität und Reputation, mit der sich die Leuphana im Ringen um Aufmerksamkeit behauptet, es gab auch in einem „Früher“ Wissenschaftler mit weit hallendem Ruf. Das macht der Auftakt zu einer sechsbändigen Ausgabe der gesammelten Schriften des Philosophen Hermann Schweppenhäuser (1928-2015) deutlich.

Schweppenhäuser hatte von 1962 bis 1996 in Lüneburg den Lehrstuhl für Philosophie inne, beginnend in Zeiten der Pädagogischen Hochschule, die vor 30 Jahren zur Universität wurde. Vorlesungen des Philosophen hatten eine magnetische Ausstrahlung, heute würde man von Kultstatus sprechen. Schweppenhäusers weit gefächertes, von der Antike bis zur Gegenwart fundiertes Denken, seine geschliffene Sprache, sein freier, pointierter Vortrag und seine tiefe Menschlichkeit machten ihn zu einer herausragenden Persönlichkeit.

Bei Adorno und Horkheimer studiert

Studiert hatte Schweppenhäuser in Frankfurt Philosophie, Literatur- und Kunstgeschichte sowie Soziologie. Er wurde bei Theodor W. Adorno Assistent am Philosophischen Seminar der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, außerdem am neu gegründeten Frankfurter Institut für Sozialforschung. In Frankfurt lehrte er auch in seiner Lüneburger Zeit parallel als Honorarprofessor.

Schweppenhäuser gehörte als Vertreter der Kritischen Theorie als dialektischer Philosophie zum engen Kreis von Adorno und Max Horkheimer. Neben seinen eigenen Arbeiten zu Themen wie Sprach- und Kulturphilosophie, Ästhetik und Ethik machte sich der Philosoph einen Namen als Herausgeber – mit Rolf Tiedemann – des Werks von Walter Benjamin. Das führte zu einer Neurezeption des Kulturkritikers Benjamin, der sich 1940 auf der Flucht vor den Nazis das Leben genommen hatte.

Auch philosophische Aphorismen und lyrische Texte Schweppenhäusers werden in der Gesamtausgabe ihren Platz finden. Herausgeber sind Thomas Friedrich (Hochschule Mannheim), Sven Kramer (Leuphana) und Gerhard Schweppenhäuser (Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg und Universität Kassel), Sohn des Philosophen.

Erster Band umfasst 418 Seiten

Schweppenhäuser publizierte sein Denken in einer differenzierten, geschliffenen Sprachverwendung. Es braucht Lust an der Anstrengung, um ihm zu folgen. Im 418 Seiten umfassenden ersten Band der gesammelten Schriften finden sich unter anderem Beiträge zu Heidegger und Horkheimer, zu Johann Gottfried Seume, Hermann Hesse und Botho Strauß, zu Kunst und Theater im Kontext ihrer gesellschaftlichen Bedeutung.

Dass Schweppenhäuser die Schärfe seiner Argumente und ihre Herausarbeitung auch auf einer allgemeiner verständlichen Ebene vermitteln konnte, dankten ihm, wann immer es geschah, die Besucher seiner Vorlesungen. Wer eintauchen will in das Werk des Philosophen, dem sei geraten, von hinten zu beginnen. In einem ausführlichen Nachwort umreißt Sven Kramer Themen und Gedankengebäude.

Zur Sache

Die Frankfurter Schule

Die „Kritische Theorie“, auch mit dem Begriff „Frankfurter Schule“ belegt, bildete sich um das 1923 in Frankfurt gegründete Institut für Sozialforschung. Sie baut auf Hegel, Marx und Freud auf, befasst sich interdisziplinär mit einer ideologiekritischen Analyse der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft.
Kritische Intellektuelle aus Philosophie, Soziologie, Psychologie und Ökonomie befragen dabei vorherrschende Denk- und Handlungsmuster, um das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass sich gesellschaftliche Verhältnisse ändern lassen. Innerhalb der bis heute in der Philosophie weiterentwickelten Kritischen Theorie gibt es verschiedene, auch divergierende Ansätze.
Zu den bedeutendsten Vertretern zählen Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Walter Benjamin, Erich Fromm und Jürgen Habermas. Als Hauptwerk der Schule gilt das Buch „Dialektik der Aufklärung“.

Von Hans-Martin Koch