Niels Schröder fordert zum Singen auf, achthundert Lüneburger/innen machen mit. (Foto: Maike Keller)

Singen macht nun mal glücklich

Lüneburg. Er wirkt immer noch so, als könne er seinen Erfolg gar nicht fassen. Seit sechs Jahren verführt Niels Schröder den Norden zum Singen. Was in Hamburg begann und dort Woche um Woche läuft, setzte sich mit Monatsrhythmus in Lüneburg fort und hat sich bis Lübeck und Kiel ausgeweitet. Das Prinzip ist so simpel wie gut: Man nehme einen charismatischen Chorleiter, eine grundsolide Band und einen Beamer. Die Liedtexte werden an die Wand geworfen, und alle singen mit, so wie es gerade gut tut. Jetzt traf sich „Lüneburg singt“ zur Weihnachtsausgabe: zwei Abende, zweimal Sporthalle Kreideberg, zweimal 800 begeistert singende Frauen aller Altersgruppen; Männer sind auch ein paar da.

Dass Singen gesund ist, weiß jeder. Nur ein Zitat dazu, vor 300 Jahren vom Nürnberger Kupferstecher und Buchhändler Christoff Weigel für sein „Musicalisches Theatrum“ geschrieben: „Ein anmuthiger Gesang mildert die Sorgen, hemmet die Furcht, mässiget den Zorn, stillet die Ungeduldt ...“ Der Satz passt ideal zum Weihnachtssingen, bei dem nun nicht unbedingt anmutig gesungen wird, aber fröhlich und rockig, swingend, auch mal ernst und etwas besinnlich. Gegen Sorgen, Furcht, Zorn und Ungeduld hilft es allemal – und es bringt ein Lächeln ins Gesicht.

Sogar ein Song von Slade ist dabei

Das Spektrum der Lieder ist breit an diesem Abend, alles passt zur Zeit: „Alle Jahre wieder“, Leonard Cohens „Hallelujah“, Händels „Joy To The World“, „Es ist für uns eine Zeit angebrochen“, José Felicianos „Feliz navidad“ gleich in mehreren Sprachen. Auch „Stille Nacht“ fehlt nicht und als kleines Kuriosum für Rockhistoriker „Merry Christmas Everybody“ von Slade, erschienen 1973. Schön für Slade, da gibt es nochmal ein paar Cent Tantiemen. Ein Weihnachts-Pop-Evergreen ist (zum Glück?!) nicht im Programm: „Last Christmas“ von Wham!, aber das wird ja auf allen Weihnachtsmärkten glühweinselig gesungen.

Sicher kann man darüber streiten, ob alle Lieder des Abends eine Rockband vertragen. Schröder und Musiker drehen aber den Sound leiser, wo es passt. Es bleibt stimmig, was an diesem Abend geschieht. Emotionaler Höhepunkt ist „Ein Licht“: Niels Schröder und Daniela Raskito schrieben das schlicht schöne Lied als Botschaft für Zusammenhalt und Frieden.

Ein knappes Dutzend Musiker begleiten Niels Schröder an diesem Abend auf der Bühne. Zusätzlich zur Band kommen als Gäste ein wunderbarer Saxophonist, eine Geigerin und ein Trompeter hinzu. Im Background ist auch Jessy Martens wieder dabei, eine treue „Der Norden singt“-Begleiterin. Sie hat gerade eine dreimonatige Tour mit ihrer Bluesband hinter sich und erntet für ihre soulvollen Soli Riesenbeifall. Den erhält auch Jörn Schröder, der Vater des Chorleiters. Er hat sich als Gitarrist und Sänger der Gruppe Liekedeler ums Plattdeutsche verdient gemacht und singt zwei Lieder mit seinem Sohn.

Lüneburg, nicht Lübeck!

„Der Norden singt“ ohne Grenzen. Schröder, Band und Singende füllten die Laeiszhalle und den Hamburger Stadtpark. Ein Open-Air wird es auch 2020 geben. Heute, Freitag, treffen sich 2500 Menschen in der Kieler Sparkassenarena, am vierten Advent wird der „Chor für alle“ in Hamburgs Barclaycard-Arena 8000 Stimmen stark sein. Mehr waren es bisher nie. Wohin das noch führt? „Wir wollen eigentlich gar nicht größer werden“, sagt Niels Schröder. Sein Bruder Sören ist ebenfalls mit dem Konzept unterwegs, gerade war er in Bargteheide und Bordesholm sowie heute, Freitag, zweimal in Eckernförde.

Ein kleiner, mit nicht ernst gemeintem „Buuuuh“ beantworteter Lapsus unterläuft Niel Schröder beim Lüneburger Weihnachtssingen. Einmal rutscht ihm „Lübeck“ raus, als er „Lüneburg“ meint. Aber damit ist er ja nicht allein, das passierte schon Wolfgang Niedecken mit BAP, als er zu Nordlandhallenzeiten in den frühen 80ern das Publikum begrüßte: „Es ist unheimlich toll, wieder in Lübeck zu sein.“ Na ja, Lübeck soll ja auch ganz schön sein.

Unheimlich toll finden dürften alle, die Singen als Wellness erleben mögen, die kommenden Lüneburg-Abende. Der größte Chor in Stadt und Kreis trifft sich wieder am 23. Januar im Sportpark Kreideberg, am 19. Februar in der Gellersenhalle und am 26. März im Sportpark. Alle drei Abende sind ausverkauft. Weitere Termine stehen noch nicht fest, werden auf der Homepage www.der-norden-singt.de erscheinen.

Von Hans-Martin Koch