Wladimir Kaminer in der Ritterakademie. (Foto: t&w)

Er ist wieder da

Lüneburg. „Vor einem Jahr war ich auch hier in Lüneburg ... habe ich da Rotkäppchen gelesen?!“, überlegt Wladimir Kaminer nach seiner Begrüßung des Publikums in der fast ausverkauften Ritterakademie. Der Autor versteht es, seine Fans gleich zu Beginn einzubinden, als habe er nichts sehnlicher erwartet, als wieder in Lüneburg auf der Bühne zu stehen. Antworten aus den ersten Reihen erzeugen eine gemütliche Nähe.

Russen trinken am liebsten Obstler ohne Obst

Mitgebracht hat er zwei Bücher und einen Stapel Manuskripte. Die Reihenfolge ergibt sich, je nachdem, was ihm so durch den Kopf geht. Schnell ist er bei den Touristen und seinen Landsleuten, die - wie er eruiert hat – neben den Indern und Mexikanern zu den stärksten Auswanderergruppen gehören. Und wenig beliebt seien, wie die „Montenegrianer“. Ja, das habe er selbst beobachten können, als er mit seiner „Russendisko“ auf einem Kultur-Festival in Montenegro eingeladen war. „Jetzt weiß ich, wo all die Russen sind“, frotzelt er. Die Einheimischen mögen sie, denn sie liebten die gleichen Getränke wie Dunja, einen Obstler ohne Obst. Und beide fühlten sich ungeliebt in Europa.

Doch nicht nur eigene Erlebnisse ziehen die Zuhörer in seinen Bann, auch die mit seinen beiden Kindern und natürlich seiner Mutter. Eine dieser Mama-Geschichten dreht sich um deren Geburtstag, den 88. Den wollte sie nicht groß feiern, aber über den – wohlgemerkt freiwilligen – Besuch der Enkel würde sie sich schon sehr freuen. Wie Rotkäppchen, das einst die Oma besuchte und Kuchen mitbrachte. „Jugend, die das heutzutage freiwillig tut, die gibt es nicht“, versuchte Kaminer ihr vergeblich beizubringen. Auch das Argument, dass dies Märchenfiguren von frustrierten Dichtern seien, zog nicht. Also musste er Nicole überreden, die dann zwar nicht mit roter Kappe aber mit blaugrünen Haaren zur Oma ging.

Vielschreiber Kaminer

Bemerkungen wie „Ich muss dringend mit dem Verlag sprechen, die Schrift wird immer kleiner“, lockern die Atmosphäre und bringen Zwischenapplaus. Nicht nur aus seinen „Liebeserklärungen“ serviert der gebürtige Moskauer, der seit 1990 in Berlin lebt, Kostproben, auch der brandneue Erzählband „Tolstois Bart und Tschechows Schuhe“ ist Quell von Anekdoten.

Die Geschichten über das Leben der großen russischen Autoren seien oft spannender als deren Werke. Der Dichter Daniil Charms zum Beispiel. „Er hatte große Mühe auf die Welt zu kommen“, heißt es in der Geschichte „Das Wunder der Geburt“. Denn dessen Vater hatte alles daran gesetzt, dass sein Sohn an Silvester zur Welt kommt. Nach mehreren Anläufen jeweils im April klappte es und ging doch schief, denn der Bengel wollte schon am 30. Dezember das Licht der Welt erblicken. Der Vater forderte die Hebamme auf, das Kind zurückzuschieben, was die Mutter jedoch ablehnte. „Und so schoben sie den zukünftigen Dichter hin und her, bis er ihnen in Gebärdensprache klar machte, dass sie ihn in Ruhe lassen sollten.“

Solche Passagen, mal surreal, mal wie aus dem Leben gegriffen, sind es, die immer wieder kollektives Gelächter und Beifall auslösen, was der Vielschreiber genießt. Auch die Deutschen bekommen ihre Liebeserklärung beziehungsweise ihr Fett weg. Sollte ein Tornado über den Kontinent hinwegfegen, wäre Deutschland das einzige Land, wo noch alles stehe. Denn hier sei alles ordentlich festgeschraubt, wie ein vielgereister russischer Freund festgestellt habe. Wo drei Schrauben nötig, seien sechs reingedreht.

Rotkäppchen raucht auf dem Balkon

Doch schnell ist er wieder bei seiner eigenen Familie. Beide Kinder fühlten sich als Weltverbesserer. Die Tochter studiert, aber der Sohn sei noch auf der Suche. Nach seinem Abi, das er mit vereinten Kräften der Familie – „Ich habe jetzt auch Abi“, freut sich Kaminer – geschafft hat, hockt er zu Hause und bringt den Vater mit Laotse-Weisheiten zur Verzweiflung, etwa „nichts tun ist besser als die Arbeit eines anderen zu übernehmen“. Kaminer ahnt, woher das kommt: „Schon als ich das erste Mal Greta Thunberg sah, wusste ich, das wird uns teuer zu stehen kommen.“

Als seine Erzählzeit um ist, ist der 52-Jährige selbst überrascht, aber man könne ja im nächsten Jahr dort anknüpfen, wo wir jetzt stehengeblieben sind. Dann sei auch sein nächstes Buch „Rotkäppchen raucht auf dem Balkon“ fertig. Er wünscht seinem Lüneburger Publikum alles Gute für 2020 –“Ha, die 20er kommen wieder“, wie seine Kinder unken – und stößt an auf ein „friedliches Jahr in einem solidarischen Europa mit Russland als Freund“.

Von Dietlinde Terjung