Karen Köhler (rechts) im Gespräch mit Moderatorin Julia Menzel. (Foto: t&w)

Totengesang einer Außenseiterin

Lüneburg. Ganz so voll wie erwartet wird es dann doch nicht, ein paar Sitzplätze bleiben frei, als Autorin Karen Köhler gemeinsam mit Moderatorin Julia Menzel im Rahmen der LiteraTour Nord den Roman „Miroloi“ im Heine-Haus vorstellt. Miroloi ist die Bezeichnung für einen Totengesang, den Klageweiber im Süden für einen Verstorbenen anstimmen, um ein letztes Mal an sein Leben zu erinnern. Im Roman ist es die Hauptfigur, ein zunächst namenloses Mädchen, das für sich selbst Strophe für Strophe den Totengesang anstimmt.

Über Ausgrenzung und Unterwerfung

Das Buch erzählt die Geschichte des Findelkinds, einer Außenseiterin, deren Leben von männlicher Dominanz, von Ausgrenzung und religiöser Unterwerfung geprägt wird. „Mich haben die Strukturen dieses Mikrokosmos interessiert“, sagt Karen Köhler, die von der Schauspielerei zum Schreiben gekommen ist. Ihre Hauptfigur – später im Roman gibt sie sich den Namen Alina – findet über Bildung den Weg zu sich selbst: Ein Privileg, das nicht leicht zu haben ist auf einer Insel, auf der Frauen absichtlich in Unwissenheit gehalten werden.

Für Alina wird alles anders, als ihr Ziehvater ihr Buchstaben schenkt und sie Lesen lernt. Ihr Leben verändert sich auch, als sie Yahel begegnet, in den sie sich verliebt. Dass ihrer Liebe in der feindlichen Umgebung kein Glück beschieden ist, lässt sich leicht ahnen. Verbotene Küsse, ein Verhältnis, das nicht sein darf, eine Schwangerschaft, die Unglück bringt.

Die Beurteilung von Karen Köhlers Romandebüt fällt sehr unterschiedlich aus. Das Buch landete auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019, die in Hamburg lebende Autorin erhielt verschiedene Stipendien, unter anderem das Jahresstipendium des Deutschen Literaturfonds.Die Feuilletons haben Miroloi dagegen vielfach negativ rezensiert. Von Schwatzhaftigkeit und unbeholfenem Stil ist die Rede, von Naivität und einem erzählerischen Gulasch, das beim Lesen ermüdet.

Unterschiedliche Bewertungen

Die Schimpfkanonaden, die an die Verrisse von Takis Würger und seine „Stella“ erinnern, ändern nichts daran, dass das Buch sich gut verkauft: Eine italienische und eine griechische Ausgabe sind in Vorbereitung. Vor allem jüngere Frauen können sich wohl gut hineinfühlen in die Emotionen der vereinsamten Heldin, die nichts hat als ihre verbotene von den anderen geächtete Liebe zu einem jungen Mann, der ihren wahren Wert zu erkennen scheint. Dass das Ganze in einer eher rückständigen, frauenfeindlichen Umgebung stattfindet, wirft allerdings Fragen auf. Keine Elektrizität, keine Motorkraft, kaum Hygiene und die Rechtlosigkeit der Frauen: eine primitive, von Männern dominierte Gesellschaft als der ideale Lebensraum?

„Ich vermisse diese Zeiten nicht, so ist der Roman nicht gemeint“, sagt die Autorin selbst. Das dürfte umso mehr gelten, da ihrer Heldin im Roman sexuelle Übergriffe der Männer nicht erspart bleiben. Die erst sechszehnjährige Alina kann den Kampf gegen den Rest ihrer Welt nicht gewinnen. Das Patriarchat bleibt, die Heldin erwartet ein ungewisses Schicksal im Meer.

Wer das Buch als reine Liebesgeschichte lesen mag und nicht danach fragt, wie gelungen das Werk zum einen mit Blick seine sprachliche Umsetzung und zum anderen mit Blick auf das Streben nach weiblicher Gleichberechtigung ist, kommt vermutlich am besten damit zurecht. Alle anderen werden sich an Miroloi wohl weiter reiben.

Von Elke Schneefuß