Der Palliativmediziner Dr. Matthias Gockel (rechts) im Dialog mit Moderator Jan Ehlert. Foto: t&w

Der Tod ist nicht der Feind

Lüneburg. Vielleicht gehörte auch ein bisschen Mut dazu, sich auf dieses besondere Gespräch einzulassen. „Ich arbeite seit zwanzig Jahren im Bereich der Palliat ivmedizin und ich kann Ihnen sagen, auch Ärzte haben Angst über dieses Thema zu sprechen“, waren die ersten Worte des Mediziners Matthias Gockel als Gast der Lese-Reihe „Was uns bewegt“ des Literaturbüros im Heinrich-Heine-Haus. Insbesondere Gäste mittleren und höheren Alters interessierten sich für das Thema. Anschließend wurden etliche Fragen an den Autoren gerichtet. Selbst am Ende der Veranstaltung traten einige Gäste noch nach vorne, um unter vier Augen ihre Sorgen zu teilen.

Auch Ärzte reden nicht gern darüber

„Der Tod ist das eine, dass andere ist das Sterben. Dr. Gockel sagt, wir müssen einen neuen Umgang finden, insbesondere in der Medizin“, so Moderator Jan Ehlert. Ein bewusster Umgang mit dem Sterben sei nicht einfach - nicht nur bei Patienten und Angehörigen, sondern auch bei ihren Ärzten. Nicht über den Tod zu reden, bedeute, die Entscheidung, wie wir sterben wollen, anderen zu überlassen.

Der Palliativmediziner Matthias Gockel, Autor des Buches „Sterben – Warum wir einen neuen Umgang mit dem Tod brauchen“, erlebt dies täglich: „Der Tod ist nicht zu verhindern und das Leben nicht endlos verlängerbar. Der Tod ist auch nicht der Feind, aber für viele Ärzte ist da der Anspruch, ihn zu bekämpfen.“ Dabei ginge es viel mehr, darum, die Phase vor dem Ende so lebenswert wie nur möglich zu gestalten – ohne Schmerzen, Ängste und Sprachlosigkeiten. Er fordert deshalb eine neue Art der Gesprächskultur: „Ich habe um die 8000 Menschen in ihrer letzten Lebensphase betreut. Die Frage, die sich jeder irgendwann stellt ist: Worauf kommt es an im Leben? Welche Spuren will ich hinterlassen? Gibt es etwas, was über mir Bestand hat?“

Dr. med. Matthias Gockel ist Internist und leitete acht Jahre lang die Palliativstation im Helios-Klinikum Berlin-Buch. Seit 2018 ist er leitender Oberarzt Palliativmedizin im Vivantes-Klinikum im Friedrichshain in Berlin. Indem er aus seinem Berufsalltag erzählt, macht er nicht nur Mut, sich mit den eigenen Ängsten zum Thema Tod auseinanderzusetzen. Er gibt zudem Orientierungshilfen, die für ein Sterben in Selbstbestimmung und Würde unabdingbar sind.

„Wie viel Zeit ich mir nehmen kann, ist sehr unterschiedlich“

Palliativmedizin dreht sich um die Behandlung und Betreuung von Menschen, die nicht mehr geheilt werden können. Grundsätzlich ginge es daher den Patienten in einer Palliativstation besser. „Wie viel Zeit ich mir nehmen kann, ist sehr unterschiedlich“, so Matthias Gockel. „Jedoch kann eine Stunde Gespräch sehr inhaltslos sein, in zehn Minuten jedoch sehr viel Tiefgründigkeit geschehen oder aber in fünf Minuten Schweigen mehr als in einem Monolog. Das kommt ganz auf den Tag an.“ So sei es für den Internisten kein Qualitätsmangel, auch Tränen in einem Hospiz zu zeigen.

Doch wie schafft der Mediziner es, täglich mit dem Tod umzugehen? „Es ist vielleicht eine Fähigkeit. Ich wäre wohl ein schlechter Notarzt wegen des Adrenalinstresses. Es ist das, was ich gut kann und man verbessert sich immer“, so Matthias Gockel. Viele Ärzte wünschten sich – vor dem Hintergrund eines auf Kostenersparnis ausgerichteten Medizinsystems – eine adäquatere, individuell angepasste Behandlung der Patienten, Offenheit bei Ängsten und generell eine neue Art über den Tod zu reden. Die Realität der meisten Krankenhäuser sei jedoch noch eine andere. Daher rate er jedem sich frühzeitig, um eine Patientenverfügung zu kümmern und mit nahestehenden Menschen darüber zu sprechen.

Von Malin Mennrich