Freitag , 25. September 2020
Viel Bewegung ist in dem neuen Stück des Theaters zur weiten Welt, denn die Schauspieler nehmen die gesamte Kulturbäckerei als Bühne (von links): Agnes Müller, Aron Torka, Birgit Becker und Laura Remmler. Foto: t&w

Fliegender Perückenwechsel

Lüneburg. Schon mal an das Jahr 2040 gedacht beziehungsweise daran, wie es uns wohl in 20 Jahren geht? Junge Menschen freuen sich vielleicht, weil sie dann endl ich Schule und Ausbildung hinter sich haben und wissen, womit sie ihre Brötchen verdienen. Ältere malen sich möglicherweise das Rentnerdasein aus, endlich tun und lassen zu können, was man will. Oder denken an Rollator und Seniorenheim. Alt werden – ein Thema, das viel Spielraum lässt, somit idealer Stoff für ein Theaterstück.

Das inspirierte auch Birgit Becker und Raimund Becker-Wurzwallner. „Bald sind wir alt“ ist das Ergebnis. Ihr neues, eigenes Werk feiert am 19. Dezember in der Kulturbäckerei Premiere. Die alljährlich ins Haus flatternde Renteninformation habe den Anstoß gegeben, wie die Theaterleiter erzählen. „Ups, in 26 Jahren bin ich 71, so alt wie meine Mutter heute…“, wurde Birgit Becker kürzlich klar. Die 60+-ler werden im Jahr 2040 die größte Altersgruppe sein. Und so machten sich Becker & Co. an die Stückentwicklung: Jede Menge eigene Ideen kombiniert mit Text- und Videoschnipseln, von Shakespeare bis Hermann Hesse. Entstanden ist ein „Bilderbogen, dessen Spannweite von der Vergangenheit bis in die Zukunft reicht und 4000 Jahre Geschichte umfasst“, erläutert Laura Remmler, die die Fäden der Inszenierung zusammenhält, selbst aber auch mitspielt. Auch musikalisch geht das Thema mit der Zeit, reicht von Bach bis zu den Puhdys und Felix Kummer. Dafür sorgt Aron Torka.

Verknüpfung von Musik und Schauspiel

Es ist das erste Mal, dass die Theatermacher auch einen Musiker einflechten. Der 18-Jährige aus Leverkusen spielt Cello, Klavier und Gitarre, wurde 2016 in die Excellenz-Förderung des Kammermusikzentrums Nordrhein-Westfalen aufgenommen und gehört auch zum Landesjugendorcherster NRW. Im Sommer hat er sein Abi gemacht. Nun verfolgt er ein Ziel: Schauspieler werden. Die Verknüpfung von Musik und Darstellung liege ihm besonders, und so ist er mit großem Eifer bei seinem Engagement hier in Lüneburg dabei. Eingefädelt hat das Ganze Laura Remmler, die in Köln als freiberufliche Regisseurin arbeitet und das Künstlerkollektiv „Honolulu star productions“ leitet, „Bald sind wir alt“ läuft als Co-Produktion.

Ein gemütlicher Theaterabend ist nicht zu erwarten, denn Platz nehmen und sich etwas vorspielen lassen, ist nicht. Die Mimen nehmen ihr Publikum mit von Szene zu Szene, Station zu Station. Die gesamte Kulturbäckerei wird bespielt, vom Keller bis unters Dach. Daher auch der Untertitel „ein theatraler Rundgang“. Ähnlich wie bei einer Stadtführung gibt es einen Tour-Guide, das heißt genau gesagt, zwei. Jeder Reiseleiter geht einen anderen Weg durchs Haus. „So kann es passieren, dass man zu zweit kommt, aber am Ende einen unterschiedlichen Abend erlebt hat“, schwärmt Birgit Becker. Dieses Stück lässt sich also durchaus zweimal besuchen, ohne dasselbe zu sehen.

Vom Klimawandel bis zu Unsterblichkeit

Unübersichtlich wird es sicher nicht, denn es sind lediglich fünf Akteure involviert, abgesehen von ein paar „Statisten“ vom Seniorenkabarett „Die Lüneburger gepfeffert und gesalzen“. Unübersichtlichkeit ist auch aufseiten der Zuschauer nicht zu befürchten, denn die Teilnehmerzahl wird pro Vorstellung auf 50 begrenzt.

Eine der fünf Protagonisten ist Agnes Müller, von Beginn an beim Theater zur weiten Welt dabei, zuvor am Theater Lüneburg. Die 55-Jährige wechselt in dem Stück Alter und Rollen wie Perücken, nein, mit ihren Perücken, spielt die agile Frau genauso wie eine „junggebliebene 98-Jährige“. Thematisch wird nichts ausgelassen, wie Birgit Becker erläutert, von Unsterblichkeit, Suche nach persönlichen Höhepunkten, Generationenkonflikt, Klimawandel, der Frage, was bleibt von mir bis hin zu Sexualität im Alter. Alles werde stets mit einem Lächeln oder Augenzwinkern inszeniert. „Wir wollen das Alter nicht als Feind darstellen, sondern als Tatsache, mit der man sich anfreunden kann“, betont Raimund Becker-Wurzwallner. Die Szenenreise ist also eine gute Vorbereitung auf 2040.

Termine: 19. Dezember, 19.30 Uhr Premiere; 20. Dez., 2020: 17./19./30./31. Januar, 1./13./ 14./15. Februar, jeweils 19.30 Uhr.

Von Dietlinde Terjung