Samstag , 26. September 2020
Jo Lendle: „Lesen ist ein preiswertes Vergnügen geblieben.“ (Foto: oc)

Frauen lesen mehr

Lüneburg. Ein Buch geht immer. Und nie so gut wie Weihnachten. Wie bei einigen anderen Branchen läuft zu Weihnachten das Kerngeschäft für den Buchhandel. Aber wie ist es um das Buch und seine Zukunft bestellt? Gegen alle Medienmoden habe sich das Buch als robust erwiesen, sagt im LZ-Interview Jo Lendle, Schriftsteller, seit 2014 Verleger des Carl Hanser Verlags und Herausgeber der Literaturzeitschrift Akzente. Lendle (51) kam als Gast zu einer Feier, zu der Lünebuch eingeladen hatte. Anlass war die erneute Auszeichnung für Jan Orthey und Team mit dem Deutschen Buchhandelspreis.

Stimmt es, dass immer weniger Menschen Bücher lesen, diese aber dafür mehr?
Lendle: Kommt darauf an, wie man zählt. Eine Studie ermittelte kürzlich, wie viele Menschen jährlich mindestens ein Buch kaufen. Diese Zahl lag zum Erscheinen der „50 Shades of Grey“-Bände besonders hoch, deren Erfolg auch Nichtleser zum Buch verlockte. Danach sank die Zahl, momentan steigt sie wieder leicht. Insgesamt ist es vollkommen erwartbar, dass sich über die Jahre Schwankungen in der Mediennutzung ergeben. Dem Buch wurde schon vor hundert Jahren vorausgesagt, den Siegeszug des Radios nicht zu überleben. Bislang hat es sich allen Medienmoden gegenüber als robust erwiesen. Was im Zuge der Gegenwartsverunsicherung zunimmt ist das Interesse am Sachbuch: Man sucht momentan wieder belastbare, Komplexität erklärende Information. Interessante Entwicklung.

Lesen Frauen mehr als Männer?
Nach allem, was wir wissen: Ja. Dabei sind die Warnungen vor der lesenden Frau so alt wie der bürgerliche Roman. Johann Adam Bergk warnte schon vor zweihundert Jahren, auf geschmack- und gedankenlose Lektüre folge Lebensüberdruss und früher Tod. Und Karl Bauer schrieb, die durch Lektüre hervorgerufene gewaltsame Abwechslung von Vorstellungen und Empfindungen führe zu Schlaffheit, Blähungen und wirke besonders bei Frauen auf die Geschlechtsteile. Ich bitte daher um Vorsicht!

Steigt das Alter der Buchleser?
Lesen geschieht ja oft in Wellen. Auf den Genuss von Bilder- und Kinderbüchern folgt in der Pubertät gern mal die Abkehr vom Lesen. Selbst ich als Verleger muss zugeben: Es gibt Erlebnisse, gegen die kommt die Fiktion schwer an. Dann kommt das Jugendbuch – wir stellen fest, dass es inzwischen auch von Endzwanzigern gelesen wird. Anschließend folgt häufig eine mußeärmere Phase: Während des Karrierebeginns und der Familiengründung wünschen sich viele, mal wieder ein gutes Buch zu lesen, nehmen sich aber nicht die Zeit. Das fällt später leichter, was ja erfreulich ist.

Werden mehr Bücher verschenkt als gelesen?
Nein. Es gibt verschenkte Bücher, die ungelesen bleiben. Aber es gibt auch viele Bücher, die weitergereicht werden und mehrere Leser erreichen.

Lässt sich eine immer stärkere Fixierung auf wenige Blockbuster-Autoren beobachten?
Auch nicht mehr als zu früheren Zeiten. Allerdings spitzen sich Diskussionen und Wahrnehmung einzelner Hypes womöglich zu.

Sehen Sie Veränderungen bei den Vorlieben der Buchleser?
Auf den Bestsellerlisten vor vierzig Jahren stand sicherlich mehr Literatur als heute. Umgerechnet übrigens fast zu identischen Ladenpreisen, Lesen ist ein preiswertes Vergnügen geblieben.

In der U-Bahn oder im Bus befassen sich von 50 Mitfahrern 35 mit dem Handy, eine/r liest ein Buch, eine/r eine Zeitung? Ist Print tot?
Es wäre ein Wunder, wenn die Digitalisierung keine Auswirkungen auf unseren Alltag hätte. Dass in der vollen U-Bahn die Zeitung auf dem kleinen Bildschirm gelesen wird, empfinde ich nicht als Niedergang. Am Frühstückstisch bevorzuge ich sie auf Papier.

Hat sich das E-Book für Verlage als Hoffnungsträger erwiesen?
Das E-Book hat seinen festen Platz im Angebot. Seit einigen Jahren liegt der Umsatzanteil in der Belletristik bei recht stabilen zehn Prozent. Ob das Anlass für Hoffnung oder Entsetzen bietet, hängt von der jeweiligen ideologischen Disposition ab.

Befördern Kindle und auch Tolino nicht das Sterben des stationären Handels?
Die Frage ist doch eine gute Gelegenheit, mal wieder ein Loblied auf den Buchhandel unseres Landes zu singen: Der hat sich von Amazons Kindle-Herausforderung nicht unterkriegen lassen und im Schulterschluss das eigene Tolino-System entwickelt, mit dem jeder Buchhändler auch E-Books anbieten kann. Inzwischen sind sie auf Augenhöhe mit Amazon.

Schreitet ähnlich wie bei Zeitungsverlagen die Marktkonzentration voran?
Der reinen Wirtschaftslehre nach wäre das zu erwarten. Tatsächlich ist davon zum jetzigen Stand kaum etwas zu sehen. Wir haben eine extrem rege Szene kleinerer Verlage, denen für Breite und Qualität des Angebots enorme Bedeutung zukommt.

Wo sehen Sie denn die Chancen für die vielen kleinen Verlage?
Ein Vorteil der Digitalisierung ist es, dass spezialisierte Verlage in direkten Kontakt mit ihrem Publikum treten können, um auf Ereignisse im Programm hinzuweisen. Das macht manche Projekte möglich, die man sich früher womöglich nicht zugetraut hätte.

Und bitte noch zwei Tipps fürs Weihnachtsgeschenk, einer darf aus Ihrem Verlag sein.
Ich lese gerade Ottessa Moshfeghs hinreißenden Roman „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“. Ihre Heldin kehrt der Welt den Rücken zu und hält eine Art Winterschlaf – also genau das richtige für die Saison. Mein Lieblingsbuch für die dunkle Jahreszeit ist gerade erst erschienen: „Die Märchen“ von Michael Köhlmeier. Er denkt sich Märchen aus, als hätten wir nie etwas anderes gemacht, packend und aufwühlend. Das ist ganz große Kunst, zudem von Nikolaus Heidelbach mit perfider Pracht illustriert.

Von Hans-Martin Koch