Luisa Neubauer (Fridays for Future) diskutiert mit Autor Bernd Ulrich und NDR-Redakteur Jan Ehlert (l.) im Heinrich-Heine-Haus und erntet viel Applaus. Foto: t&w

„Der Gedanke ist so einfach…“

Lüneburg. Ausverkauft, mit mehr als 100 besetzten Plätzen im Heinrich-Heine-Haus und noch ein paar Studenten, die sich notgedrungen auf den Boden setzten: Der K limawandel – ein Thema, das bewegt.

„Wir von der älteren Generation sehen die Gefahren vor allem in der Natur des Ideologischen. Die Klimakrise ist aber nicht ideologisch“, erklärte Bernd Ulrich, Autor und stellvertretender Chefredakteur der „Zeit“. Wie das Ende der Umweltkrise herbeizuführen ist, darüber diskutierten er und die Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer mit Jan Ehlert von NDR Kultur. Die Reihe „Was uns bewegt 2019“ des Literaturbüros Lüneburg zeigte, dass die Ökologie ins Zentrum der Politik gerückt ist.

Appell an Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft

Besonderen Beifall gab es immer wieder für die junge Frau. Sie brachte frischen Wind in die Gesprächsrunde. „Wir werden immer nach Aha-Momenten gefragt. Ich glaube, die gibt es nicht. Es sind multiple Kristallisations-Punkte, die uns besonders mitnehmen oder wütend machen“, antwortete die Aktivistin auf die Frage „Warum?“. Neubauer hatte das Thema in der Schule, aber es wurde nie so gewichtet, wie es nötig gewesen wäre. Auch fühlte sie sich durch das Pariser Klimaabkommen zunächst in Sicherheit gewogen: „Dann fand ich eine kleine Studie, aus der hervorging, dass nur 16 von 197 Ländern die notwendigen Maßnahmen getroffen hatten.“

Das schockierte sie so sehr, dass sie aktiv wurde. Zusammen mit Politikökonom Alexander Repenning beschreibt sie in ihrem Buch „Vom Ende der Klimakrise. Eine Geschichte unserer Zukunft“, wie Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft aktiv werden müssen. Beide entwerfen einen Weg in die Zukunft.

„Ich war schon grün, bevor es die Grünen überhaupt gab“, berichtete Bernd Ulrich. Aufgewachsen im Ruhrgebiet, habe er schon früh gespürt, dass es den Tieren und Pflanzen immer schlechter gehe. Von 1988 bis 1990 war er Büroleiter beim Fraktionsvorstand der Grünen im Deutschen Bundestag: „Auch als Journalist habe ich mich immer wieder um die Ökologie gekümmert, aber sie dann schleifen lassen“, berichtet er.

Bisher habe man dem Thema nie den Stellenwert eingeräumt, den es in Wahrheit besäße beziehungsweise der ihm zukomme oder zukommen sollte. In seinem Buch „Alles wird anders. Das Zeitalter der Ökologie“ spricht Bernd Ulrich darüber: „Es ist ein unglaublich wichtiges Thema. Bereits 1965 hat es erste Artikel gegeben, die vor Klimawandel warnten. Seit 1990 nimmt man die Androhungen ernster und trotzdem ist nicht viel passiert. Das Umweltproblem ist nicht ideologisch oder verschiebbar. Es ist zu benennen. Der Gedanke ist so einfach, dass sogar Professoren ihn verstehen können...“

Erfahrungswissen – ein Wert, dem Nachdruck fehlt

Doch, so merkt Luisa Neubauer an, so leicht sei es nicht: „Wer einmal zu Hause eine Veganer-Debatte geführt hat, der kann sich vorstellen, wie schnell das in Aggression umschlägt.“ Angesprochene würden sich in Gegenargumente flüchten: „Ich dachte, wir würden in eine Art Krisenmodus schalten, ebenso wie wir mit der Flüchtlingskrise umgingen. Stattdessen führen wir mit großer Ernsthaftigkeit Debatten über das Schulschwänzen.“ Diese Worte lösten im Publikum großen Applaus und Zuspruch aus. Experten würden, laut der jungen Autorin, in der Politik ignoriert wegen der „unbequemen“ Wahrheiten. Gerade die jungen Menschen auf den Straßen würden nicht ernst genommen, was die Generationsfrage wieder in den Raum stelle. Auch Bernd Ulrich bestätigte diese Ansichten: „Unser Erfahrungswissen ist bald weniger wert als die Kräfte der jungen Menschen. Wann schalten wir in den Panik-Modus?“

Am Ende war Zeit für Fragen und Austausch. Auch für Moderator Jan Ehlert war es ein spannender Abend: „Ich stehe selber irgendwo in der Mitte und hatte die Möglichkeit, beide Seiten zu sehen. Luisa Neubauer ist die Generation, die das alles ausbaden muss. Bernd Ulrich gehört zu der, die uns das eingebrockt hat.“

Von Malin Mennrich