Samstag , 19. September 2020
Der Blick zurück: Martin Schnackenberg hat Ägypten erkundet und seine Erlebnisse zu einem Erzählband komprimiert. Foto: ff

Im Zentrum der arabischen Welt

Lüneburg. Viel Sonne, Strände, niemals frieren, milde Nächte – das sind Gründe, warum manch Deutscher erwägt, mal in südlichen Gefilden zu leben. Insbesondere Lehrer nutzen die Möglichkeit, im Ausland an einer deutschen Schule zu arbeiten, so auch der Lüneburger Martin Schnackenberg. Er unterrichtete insgesamt 12 Jahre an verschiedenen deutschen Schulen in Kairo. Seine Erfahrungen und der Umgang mit gängigen Klischees auf beiden Seiten hat er in dem Buch „Es ist ein Splitter in der Welt“ zusammengefasst.

Denn in der Fremde Fuß zu fassen bedeutet viel mehr, als gewisse Gegeben- und Gepflogenheiten kennenzulernen. Auch der Blick auf einen selbst und seine Heimat verändere sich. „Ich sehe mich selbst und die Welt anders, ich habe Dinge entdeckt, von denen ich gerne berichten möchte“, sagt der 50-Jährige.

Privatschulen, insbesondere deutsche, genießen einen sehr guten Ruf in Ägypten und so werden Kinder der Ober- und Mittelschicht bevorzugt dort angemeldet. Unterrichtssprache ist meist Englisch, so dass der Nachwuchs bestens auf die globalisierte Welt vorbereitet wird. Eine reizvolle Aufgabe für deutsche Lehrer. Dass es für den Lüneburger zwölf Jahre wurden, die er in dem Land der Pyramiden verbringen würde, war nicht geplant, genau so wenig, dass er eine Ägypterin heiratete.

Lohnkosten sind niedrig

Über seine Schüler lernte der Lüneburger das Land und die Kultur verstehen. Es wird viel gegessen – die Schüsseln dürfen niemals leer werden, wenn man Gäste hat – viel diskutiert – über das Leben, Politik, aber auch mit Polizisten, Lehrern, Vorgesetzten, denn nur Regeln der Religion werden widerspruchslos akzeptiert. Und es wird viel geliefert: Da Lohnkosten niedrig sind, bieten sogar Kioske einen Tür-zuTür-Service an. „Kairo ist ein Delivery-Paradies“.

Auf 217 Seiten geht Schnackenberg auf Alltagssituationen in der Millionenmetropole Kairo ein, aber auch Themen wie Islam, Kopftuch, Staat und Politik finden Eingang in seine Betrachtungen. Kairo erstickt fast im Verkehr. Es wird gehupt wie verrückt, Autofahren kostet unglaublich viel Zeit und Nerven. Aber in den frühen Morgenstunden, da ist es frisch und rein, die Straßen nass, weil die Autos täglich mit Unmengen von Wasser gewaschen werden.

Aufschlussreich ist auch das Kapitel „Ikea“: Wer ein bisschen Sehnsucht nach Europa hat, so erzählt der Autor, der fährt in die Kairoer Filiale und verlässt Ägypten – zumindest für ein paar Stunden. Doch schon die Einlasskontrollen sprechen für sich. Angehörige der Oberschicht heißen das Vorgehen zwar gut, haben dennoch ein Problem damit, sich von einem Sicherheitsmann, der meist aus der Unterschicht stammt, „gängeln“ zu lassen. Auch dem Kontrollposten ist die Sache unangenehm, und so gibt er gegebenenfalls schnell nach, was den Nutzen sodann in Frage stellt.

Leben, beten und arbeiten

Schnackenberg war auch in Kairo als die 9/11-Katastrophe in New York passierte. Das spiegelt sich in dem Buchtitel wider: der Bin-Laden-Anschlag habe einen Stachel oder Splitter zwischen Moslems und den Rest der Welt getrieben. Der normale Ägypter könne mit dem „Kampf der Kulturen“ nichts anfangen. Er will leben, beten und arbeiten und „nicht in irgendeinen Heiligen Krieg ziehen“, habe er erfahren.

Ähnlich verhält es sich mit dem Kopftuch. Wird hierzulande die Verhüllung gleichgesetzt mit Unterdrückung der Frau, sieht die Wirklichkeit anders aus: Es wird gar nicht hinterfragt. Mädchen greifen eines Tages zum Kopftuch, weil sie es ihrer Mutter gleichtun, so nach dem Motto „was Mama macht, kann nicht schlecht sein, muss richtig sein“. Sie bekennen sich damit bewusst zu ihrem Glauben, und sind stolz darauf, dazu zu gehören. Schnackenberg selbst hat erlebt, wie enttäuscht er war, als eine besonders aufgeschlossene Schülerin eines Tages mit Kopftuch erschien, zumal das an Schulen eher selten ist.

Und er ertappte sich bei der Frage, ob denn „mein Unterricht, all die Stunden, in denen wir über die Aufklärung und die Emanzipation der Frau gesprochen hatten, keine kritischen Gedanken in ihr geweckt habe“. Der Mensch ist halt befangen in seiner Welt, in der er aufgewachsen ist. „Wir sollten uns fragen, wie frei wir von Ketten eigentlich sind, bevor wir andere als dumm, verbohrt und unaufgeklärt abkanzeln“, botschaftet der Autor.

Dieses Buch kann helfen, nicht gleich hinter jedem bärtigen Moslem einen Islamisten zu sehen. Es schärft zudem den Blick auf die eigene Welt, ihre Vor- und Nachteile.

Martin Schnackenberg: „Es ist ein Splitter in der Welt“, Engelsdorfer, 14 Euro.

Von Dietlinde Terjung

Der Autor als Reisender

Die Pyramiden und die U-Bahn gesehen

Martin Schnackenberg, Jahrgang 1969, ist Lehrer für Deutsch und Geschichte an der Wilhelm-Raabe-Schule. Er verbrachte zunächst vier, dann noch einmal acht Jahre im Rahmen des Auslandsschuldienstes in Kairo, unterrichtete an einer deutschen evangelischen Oberschule und an der Deutschen Schule der Borromäerinnen. „Seit den Exkursionen in meinem Studium bin ich fasziniert von der arabischen Welt, und Kairo kann man als ihr Zentrum betrachten“, sagt Martin Schnackenberg. Eine ausgeprägte Klassengesellschaft mit kleiner Ober- und breiter Unterschicht, Überbetonung der Tradition, Ungleichheit der Geschlechter: Dies alles, so der Autor und Lehrer, habe er durchaus als Belastung empfunden, trotz aller Liebe zum Land: „Ich habe natürlich die Pyramiden gesehen, aber auch Eindrücke in der U-Bahn gesammelt, mich bemüht, offen und kritisch mit meinem Gastland zu sein.“ ff