Samstag , 19. September 2020
Claude Cahun und Marcel Moore beschäftigten sich in ihren Fotografien unter anderem mit Fragen nach den Merkmalen von Geschlechterrollen. Foto: privat

Illusion einer Widerstandsbewegung

Tosterglope. Auch in diesem Jahr lädt der Kunstraum Tosterglope im Rahmen seiner Kurzresidenz „gästeliste“ ein. Im Mittelpunkt stehen die Künstlerin Gitte Ville sen und der Kurator Joerg Franzbecker als ihr Gast “plus eins“. Angekündigt ist eine Materialsichtung entlang der künstlerischen Arbeit und des politischen Engagements der Künstlerinnen Lucy Schwob (alias Claude Cahun) und Suzanne Malherbe (Marcel Moore) auf der Kanalinsel Jersey während der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht im 2. Weltkrieg.

Claude Cahun und Marcel Moore sind bekannt für eine Reihe von Fotografien, die die performativen Aspekte von Gender herausstellen. 1937 zogen die beiden von Paris auf die Kanalinsel Jersey, vermutlich bedingt durch die politische Situation in Frankreich und die angespannte Auseinandersetzung darüber in Kreisen der Surrealisten, in denen sich die beiden bewegten.

Außergewöhnliche Anti-Nazi-Propaganda-Aktion

Mit ihrem Umzug nach Jersey, das den beiden von vielen früheren Aufenthalten vertraut war, benutzten sie auch wieder ihre Geburtsnamen Lucy Schwob und Suzanne Malherbe. Als die deutsche Wehrmacht Jersey besetzte, entschieden sich die beiden trotz Alternativen, nicht weiter zu fliehen, sondern auf Jersey zu bleiben. In der Folge begannen Lucy Schwob und Suzanne Malherbe eine außergewöhnliche Anti-Nazi-Propaganda-Aktion. Sie verteilten handgefertigte Flyer, die beispielsweise die Niederlage der Deutschen ankündigten oder das soldatische Dasein im Krieg thematisieren. In ihren späteren Erinnerungen beschreibt Lucy Schwob, wie es ihr und Suzanne Malherbe gelang, die Illusion einer größer angelegten Widerstandsbewegung zu schaffen.

Nach mehreren Jahren des Widerstands wurden sie verraten, verhaftet und einem Verhör unterzogen, bei dem sie die Namen ihrer männlichen Mitverschwörer preisgeben sollten. Die deutschen Besatzer fanden es unvorstellbar, dass zwei Frauen mittleren Alters eine so waghalsige und umfangreiche Kampagne aus eigener Initiative und Kraft durchführen konnten. Die beiden wurden zu einer mehrjährigen Haftstrafe und zum Tode verurteilt. Letzteres wurde nicht vollstreckt.

Im Rahmen einer vorbereitenden Reise suchten Gitte Villesen und Joerg Franzbecker danach, wie sich das Wirken von Claude Cahun und Marcel Moore auf der Kanalinsel und im Archiv des Jersey Heritage Trust eingeschrieben hat. Das zusammengetragene Material bildet die Grundlage für den Arbeitsaufenthalt und die anschließend ausgestellte Materialsichtung im Kunstraum Tosterglope.

Soziale und geschlechtliche Voraussetzungen

Gitte Villesen und Joerg Franzbecker beschäftigen sich in ihren Arbeiten auch damit, wie sich mit Formen der Imagination Wirklichkeit herstellen lässt und wie sich Ereignisse, künstlerische Begebenheiten und politische Handlungen in ein Landschaftsgefüge einschreiben. Ihnen liegt daran, Nähe herzustellen, künstlerisch-kuratorische Erzählungen zu entwickeln. In diesem Fall beginnt die Erzählung in Jersey und zieht Spuren nach Tosterglope.

Gitte Villesen stellt in ihrer künstlerischen Arbeit Begegnungen her. Sie interessiert sich dafür, wie Menschen mit ihren Vorstellungen, Träumen und Wünschen Wirklichkeit herstellen und wie ihnen das im Rahmen ihrer ökonomischen, kulturellen, sozialen und geschlechtlichen Voraussetzungen möglich ist. In ihren jüngeren Arbeiten ist eine Verschiebung erkennbar, die Gittes jahrelange Lektüre feministischer Sci-Fi-Literatur verdeutlicht und die eigene Stimme entlang einer Reihe von Assoziationen betont.

Joerg Franzbecker lebt in Berlin. Er ko-kuratiert, -veröffentlicht, -produziert verschiedene Formate im Kontext von Kunst, Performance und urbanem Raum. Die Ausstellung läuft bis 15. Dezember. lz