Sonntag , 25. Oktober 2020
Stürmische Zeiten: Schiwago (Kristian Lucas) führt in den Krieg und in die Russische Revolution. Foto: t&w

Viel gewagt, sehr viel gewonnen

Lüneburg. Der Roman, 1956 von Boris Pasternak geschrieben, bekommt 1958 den Nobelpreis. Der Film zum Buch, 197 Hollywood-Minuten schwer, wird 1966 mit fünf Oscars gekrönt. Das Musical zum Film aber verbrennt 2016 am Broadway in nur einem Monat. Kaum zu fassen, denn auf Lieben und Tod steckt alles drin in „Doktor Schiwago“: großes Drama, süffige Musik, starke Charaktere. Das Stück wird den Fans sei Dank bald rehabilitiert, in Europa revitalisiert, und nun erntet es am Theater Lüneburg die schnellsten Standing Ovations seit Jahren.

Erster Weltkrieg und Russische Revolution

Stoff für fünf Stunden steckt in der Geschichte. Sie umspannt rund 30 Jahre, mit Erstem Weltkrieg und russischer Revolution als Mordsgetöse im Hintergrund. Regisseur Olaf Strieb und Dramaturg Friedrich von Mansberg haben die ausufernde Vorlage von Lucy Simon und Michael Weller durchforstet. Nun saust sie so schlank wie möglich in zwei Stunden und einer halben über die Bühne, saugt das Publikum in die Geschichte hinein.

Strieb schält bei aller Tragik des Geschehens einen unterhaltenden Kern heraus. Szenen, Spielorte, Zeitsprünge laufen faszinierend ineinander. Trotz aller Windungen und Geschwindigkeit wird die Geschichte logisch und jederzeit nachvollziehbar erzählt – ab und an allerdings müssen Obertitel als Orts- und Zeitangabe helfen.

Innere Zerrissenheit und widerstreitende Gefühle

Bühnenbildnerin Barbara Bloch staffelt den Raum in die Tiefe, deutet mit wenigen Mitteln Spielorte an. Das von Dirk Glowalla gefahrene Licht unterstützt spotgenau das Konzept, Geschichte(n) parallel und wie im Flug zu erzählen. Das hohe Tempo hilft, dem Stück das Plakative und Kitsch touchierende Sentiment auszutreiben bzw. es nicht allzu sehr hochkommen zu lassen. Bei aller Action werden innere Zerrissenheit und widerstreitende Gefühle dennoch spürbar. In zentralen Stellen der Protagonisten friert um sie herum das Bild ein.

Nicht alles gelingt. Die kriegerischen Szenen bleiben holprig, und der auf den Tod verletzte Janko (Timm-Moritz Marquardt) wird so in Szene gesetzt, dass es wie ein Gag wirkt. Aber es geht ja fix weiter, schon schwelgt die effektgeladene Musik wieder zwischen Breitwand-Sound und Powerballade. Dirigent Ulrich Stöcker führt die Symphoniker sicher durch das Stück, minutiös abgestimmt auf die schnellen Szenenwechsel.

Nicht ohne den Schmacht-Hit

Eingebaut in den Soundtrack ist der Schmacht-Hit aus dem Film, der tausendfach von Rebrow bis Rieu zu Sirup verrührt wurde. Hier singt ihn Franka Kraneis als Schwester im Feldlazarett, begleitet sich auf dem Akkordeon, eine geschickte und zugleich gefühlvolle, folkloristische Lösung.

Überhaupt Gefühle! Kristian Lucas gelingt der Jurij-Spagat: Er formt einen glaubhaften Charakter als Schiwago, den es zwischen der verantwortungsbereiten Liebe zur Familie und der nicht zu bändigen Leidenschaft zu Larissa zerreißt. Die Frauen, auch das ein großes Plus, treten als starke Persönlichkeiten auf. Jeannine Michèle Wacker gestaltet Tonya als liebevolle, zurückhaltende Ehefrau, die sich aber von Jurij trennen und einen eigenen Weg gehen wird. Larissa ist dagegen eine offensive Frau, ihrer Zeit ein Stück voraus, was auch die Kleidung zeigt, wenn Kostümbildnerin Christine Bertl sie in Hosen auftreten lässt. Dorothea Maria Müller besitzt die ideale Energie, Ausstrahlung und Stimme für diese Partie.

Viel gewagt, sehr viel gewonnen

Larissas Mann, der kalt handelnde Partisanenführer, bekommt von Steffen Neutze Konturen, bei denen doch deutlich wird, dass dieser Strelnikow sich von Gefühlen abzutrennen versucht – und scheitert. Dann gibt es so einen tyipschen Unsympathen, der sich in Zaren- wie Kommunistendiktatur den Pelz nicht nass macht. Ulrich Kratz streut Züge der Karikatur ein in die Figur des verschlagenen Komarovsij, der scharf auf Larissa war und ist.

Und dann sind da die Kinder, vorbereitet von Anna Schwemmer. Als zehnjähriger Jurij hat Tomek Endsin den ersten Gesangs-Part des Abends und macht das berührend gut, das gelingt auch Lena Olmützer und Lotta Wroblewski.

Es steckt gewaltig viel Arbeit in diesem Abend. Die Stückwahl – angestaubter Stoff, unbekanntes Musical – ist nicht ohne Risiko. Aber: viel gewagt, sehr viel gewonnen.

Von Hans-Martin Koch

Viele Aufgaben, viele Mitwirkende

Ein großes Team

Mit zum großen Solisten-Team zählen Dobrinka Kojnova-Biermann, Wlodzimierz Wrobel, Sascha Littig, Kirsten Patt, Oliver Hennes, Marcus Billen, Andrea Marchetti, Alexander Tremmel, Sarah Hanikel, Elke Tauber und Astrid Gerken. Phillip Barczewski hat Opern- und Extra-Chor perfekt vorbereitet, und als alternierend auftretende Kinder werden Mia Jovanovic, Elias Riepenhausen und Lara Franzen das Publikum bei den kommenden Aufführungen anrühren.