Dienstag , 29. September 2020
Unterhaltsamer Auftritt: Malerfürst Markus Lüpertz in Denkerpose. Foto: t&w

Alle Einsichten sind einfach

Lüneburg. Nicht Professor, nicht Doktor solle man ihn nennen. Wenn schon ein Titel, dann Meister. Besser aber einfach Herr Lüpertz oder Markus. Wie auch immer, es ist ein schillernder Künstler, der an diesem Abend in der Kulturbäckerei sitzt. Ein Weltstar, heute fliegt er mal wieder nach China. Ein Meister der Malerei und Bildhauerei, zweifellos, das lässt sich der aktuellen Ausstellung in der Kunsthalle ablesen. Ein Provokateur, ein Bohemien, ein Selbstdarsteller, ein Süffisanz-Beherrscher, der dann auch mal sagt: „Ich bin lediglich ein gut gekleideter älterer Herr.“ Lüpertz, der Alleinunterhalter.

„Das Lächeln der Mykene“ heißt die bis zum 11. Dezember in der Kulturbäckerei laufende Ausstellung mit Graphik und Skulpturen des heute 78-Jährigen. Zu sehen ist, dass Lüpertz gern zu mythischen und philosophischen Motiven greift. Auf einen Diskurs darüber, auf eine Vertiefung lässt er sich – an diesem Abend – nicht ein. Keine Chance hatte Moderatorin Cheryce von Xylander, derzeit Gastprofessorin an der Leuphana, Lüpertz auf ihr Feld zu locken. Die aus dem Bereich der Philosophie kommende US-amerikanische Wissenschaftlerin befasst sich unter anderem mit dem Wandel von Kultur und Gesellschaft durch die umfassende Digitalisierung. Lüpertz begibt sich nicht aufs Eis. Er habe kein Handy, kein Laptop, und dazu passend wischt er den „digitalen Wahnsinn“ vom Tisch. Ende der Debatte.

„Ich sang das Hohelied der Malerei“

Von 1988 bis 2009 war Lüpertz Rektor an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf. „Wir hatten die hervorragendsten Künstler der Nation. Wir waren die Meister“, sagt er und: „Wenn Sie etwas lernen wollen, müssen Sie dem Meister folgen.“ Malerei und Bildhauerei wurden gelehrt, dazu gab es eine Fotoklasse. „Ich sang das Hohelied der Malerei, die älteste und schwerste künstlerische Disziplin“, sagt Lüpertz. Er singt es nach wie vor, neben und nach ihm lässt er nichts gelten.

Lüpertz liebt die Provokation, man kann, man muss sie als Anstoß zum Diskutieren sehen. Natürlich war die Zeit nach seinem Rektorat nicht mehr wirklich gut. Heute würde Kunst nicht gelernt, sondern studiert, und schon polemisiert Lüpertz, dass „Fett auf den Boden geschmiert wird“. Er ätzt auch noch mit Lust über die Biennale in Venedig und kommt zum Schluss: „Die wollen dich verscheißern.“ Ende der Diskussion.

Auf seine Kunst kam das Gespräch kurzzeitig. Der Maler sei für sein Bild nicht verantwortlich, das sei der Betrachter, sagt Lüpertz und verweist auf die vielen und mit der Zeit wechselnden Auslegungen seiner frühen Stahlhelm-Bilder. „Malerei ist keine Propaganda. Wenn sich ein Künstler auf die Politik eingelassen hat, hat er verloren.“ Es ist ein Abend solch einfacher Einsichten und Spitzen der Art: „Politik ist ein schmutziges Geschäft, Kunst ein sauberes.“

„Ich wollte hübsch sein“

So wurde es mehr ein unterhaltsamer Abend vor allem darüber, wie Lüpertz wurde, was er ist, wie er sich selbst sieht. Und wie er sich schuf. „Ich wollte hübsch sein. Ich wollte intelligent sein. Ich wollte genial sein. Also bin ich es geworden.“ Gegen seine Selbstüberzeugung ist kein Argument möglich. Er unterfüttert sie clever mit Selbstironie. „Ich weiß nicht, ob ich all das bin. Aber ich habe nur ein Leben, ich will es nicht als Opfer leben.“

Keine Ahnung hatte Lüpertz von einer Ausstellung im Deutschen Salzmuseum, wo zurzeit eine Gruppe ausstellt, die wochenweise stattfindende Lüpertz-Kurse in der Kunstakademie Bad Reichenhall belegt hatte. Markus Lüpertz, aus Düsseldorf mit seinem Galeristen Till Breckner angereist, musste am Abend noch weiter nach Berlin. Aber die Abfahrt musste warten, etwas Rotwein war fällig, und die „Aftershow“ zeitigte ein Ergebnis: Über Kunst und Philosophie wollen Moderatorin von Xylander und Lüpertz einen weiteren öffentlichen Diskurs führen.

Von Hans-Martin Koch