Freitag , 18. September 2020
Olaf Strieb – inmitten der Friedhofskulisse – freut sich auf die Premiere. Foto: t&w

Herz, Schmerz und Ohrwürmer

Lüneburg. Es werden Tränen fließen, nicht des Schmerzes oder der Trauer, sondern der Rührung, da sind sich die Theater-Leute, die sich mit sich mit dem Stoff „Dr. Schiwago“ auseinandersetzen, ganz sicher. Und auch Olaf Strieb, der das gleichnamige Musical in Lüneburg inszeniert, empfiehlt: „Taschentücher nicht vergessen.“ Am Freitag endeten die Vorbereitungen mit einer Generalprobe, und am Sonnaben kickt der spannende Moment der Premiere den Adrenalinspiegel an.

Olaf Strieb kannte weder das Libretto noch die Musik, aber als Intendant Hajo Fouquet ihn fragte, ob er das Musical Dr. Schiwago in Lüneburg auf die Bühne bringen wolle. Er habe sofort „Ja“ gesagt, denn „ich bin ein Schnell-Schießer“, gesteht Strieb. Er selbst ist Intendant der Landesbühne Wilhelmshaven, einem reinen Schaupielhaus und freut sich umso mehr auf den Ausflug in die Orchesterwelt, zumal er schon unzählige Musicals inszeniert hat.

Krieg und Frieden, Liebe und Tod

Der 700 Seiten starke Roman brachte Autor Boris Pasternak Nobelpreisehren. Dass der Stoff um Krieg und Frieden, Liebe und Tod, der sich über eine Zeit von rund 30 Jahren spannt, bestens für einen Kinofilm geeignet ist, erkannte Regisseur David Lean, ahnte aber wohl kaum, dass ihm das Leinwandepos fünf Oscars einbringen würde. Die Schauspieler Omar Sharif, Julie Christie und Geraldine Chaplin wurden zu Stars und der Film zu einem Klassiker erster Güte. Da lag es nahe, auch mit einer Musical-Adaption an den Markt zu gehen. Doch diese floppte 2015 am Broadway. Kein Grund, keinen Neustart zu wagen. In Deutschland ging die Oper Leipzig mit einer neuen deutschen Fassung voran. Lüneburg ist nach Pforzheim das dritte Indoor-Theater, das das Stück ins Programm nimmt. Im Sommer gab es zudem Open-Air-Aufführungen in Tecklenburg.

Die Geschichte um Jurij Schiwago, einen Arzt mit lyrischer Ader, der zwischen zwei Frauen sowie den Fronten des Krieges hin und hergerissen ist. Viele Ereignisse müssen erzählt werden, um die Entwicklung abzubilden. Das Textbuch sei wie ein Drehbuch geschrieben, permanente Szenenwechsel und Schnitte. „Das ist eine logistische Herausforderung“, der Strieb sich aber gern gestellt habe. Der gebürtige Hesse, zum ersten Mal Gast des Lüneburger Hauses, verteilt auch gleich Lob – an die Bühnentechnik zum Beispiel. Ebenso an Ulrich Stöcker, der die musikalische Leitung innehat. Auch ihm sei es zu verdanken, dass „alle Szenen ineinander über gleiten“, es kein einziges „Black“ (zur Umgestaltung der Bühne) gibt, denn er verstand es, wenn Strieb „zu viele Noten, zu viele Noten“ anmahnte, den musikalischen Teil anzupassen.

„Schlicht, aber dennoch bildgewaltig“

Aufgrund der Handlungsfülle entwarf Strieb mit Bühnenbildnerin Barbara Bloch ein reduziertes Grundbild, das das Thema Tod und Vergänglichkeit widerspiegelt: einen Friedhof mit orthodoxen Kreuzen und Toren in Rostrot, das durch die Beleuchtung besondere Wirkung entfaltet. Schnell einwechselbare Elemente wie Bücherwände oder Bretterzäune verdeutlichen den jeweiligen Schauplatz. „Schlicht, aber dennoch bildgewaltig“, lautet die Devise.

Auch die Liebesgeschichte ist vertrackt, denn es geht nicht nur um Jurijs Ehefrau Tonia und die smarte Krankenschwester Lara. Nein, letztere wird neben Jurij noch von zwei weiteren Männern umgarnt, „ein pervertiertes Liebespentagramm“ nennt es Strieb. Dabei spielt sich die Lovestory wie auf einer Folie der Geschichte ab, die von Oktoberrevolution bis zum Niedergang des Zarenreiches geht.

Für die Premiere gibt es noch Restkarten

„Den Zuschauer erwartet ein opulentes, filmisches, dramatisches und auch – in positivem Sinne – kitschiges Musical“, schwärmt der 50-Jährige. Es sei ein großes orchestrales Werk, keines dieser typischen Show-Musicals mit großartigen Tanz- und Show-Nummern, dafür enthalte es aber „viele Ohrwürmer“, betont der Regisseur, der gerne und leidenschaftlich die Klaviatur der großen Gefühle spielt.

Für die Premiere gibt es noch Restkarten. Weitere Vorstellungen: 22. November, 20 Uhr, 24.11.19 Uhr, 3./6./18. Dezember um jeweils 20 Uhr, 26. Dezember 19 Uhr; dann wieder Ende Januar.

Von Dietlinde Terjung