Samstag , 26. September 2020
Aufmarsch zur Lesung: Margarete von Schwarzkopf, Håkan Nesser und Dietmar Bär kommen in den Filmpalast. Foto: t&w

Schuld vergeht nicht

Lüneburg. Der alte Mann und der Mord: Kommissar van Veeteren muss nochmal ran. Eigentlich will er seinen 75. Geburtstag feiern, ganz in Ruhe und Abgeschiedenheit mit seiner Frau Ulrike Fremdli. Sein letzter Fall liegt gut 15 Jahre zurück.

Aber nun holt ihn eine alte Sache ein, er muss einen Fehler bereinigen. Das dauert mehr als 600 Seiten, und Veeteren-Schöpfer Håkan Nesser packt auch noch seinen zweiten Serienhelden ins Buch, Inspektor Barbarotti. An diesem Abend sitzt Nesser im ausverkauften Filmpalast, schmunzelt sich was und lässt sich feiern, von seinen Lesern, von Moderatorin Margarete von Schwarzkopf und von Dietmar Bär, dem Schauspieler und Hörbuch-Leser.

19 Veranstaltungen an 16 Tagen

Eine schöneres Finale als diese Lesung könne er sich gar nicht denken, sagt Jan Orthey. Das zehnte Krimifestival, das Orthey mit seinem Lünebuch-Team stemmte, ist mit der Nesser-Lesung geschafft – 19 Veranstaltungen an 16 Tagen. „Wir sind erschöpft und sehr zufrieden“, sagt Orthey. „Wir haben eine Auslastung von 96 Prozent. Mehr geht eigentlich nicht.“ Als neuer Ort wurde in diesem Jahr das SaLü einbezogen, und für die stets als erstes ausverkauften kulinarischen Krimi-Abende kam neben Röhms Deli das Restaurant einzigartig hinzu.

Lüneburgs bestbesetztes und intensivstes Festival geht „auf jeden Fall“ weiter. Wer was wann wo, das wird in den nächsten Monaten ausklamüsert. Ein Termin steht fest: Am 1. August startet der Vorverkauf.

Zurück zu Håkan Nesser: Der Schwede wird gern als Philosoph unter den Krimi-Schriftstellern gehandelt. Er hat sich eine Menge Erfolg erschrieben, viele Bücher wurden verfilmt. Nesser zählt nun 69 Jahre, überstand eine Krebserkrankung, lebt auf Gotland. Er hat keine Eile. „Der Verein der Linkshänder“ ist mehr Schmöker als Thriller. Nesser schlägt einen ruhigen Ton an, dem Alter van Veeterens angemessen. Kleine Geschichten am Rande bekommen ihren Platz, ebenso das Sinnieren über das Leben, über Erinnerung und alte Schuld, die nie vergeht.

Eine typische verschworene Jungssache

In den „Linkshänder“-Fall wird der Leser also gemach, aber doch garantiert hineingesogen. Die Geschichte umspannt die Zeit von 1957 bis 2012. Sie beginnt in Oosterby, was nach Schweden klingt, aber auch Niederlande sein kann, irgendwo also in diesem fiktiven Land, das Nesser für die Welt van Veeterens ersann. Damals in den Fünfzigern in Oosterby mussten Erstklässler, die Linkshänder waren, einen „Korrekturhandschuh“ tragen und brutal auf rechts umlernen, was sie weit zurückwarf. Und was in diesem Krimi zum Verein der Linkshänder führt. Erst sind sie zu zweit, eine typische verschworene Jungssache. Aber der Verein wächst ein wenig und verstrickt sich über die Jahre in Geschichten, die aus dem Ruder laufen. Eine Entführung kommt ins Spiel, die Dinge eskalieren weiter, bis der Mantel des Schweigens und des Todes sich über alles legt. Das scheint runde 20 Jahre zu klappen. Aber dann, aber dann …

Es sitzt ein engespieltes Team auf der Bühne. Es trat in Berlin auf, in Hamburg, nun in Lüneburg. Die Moderatorin ist schlagfertig, bohrt auch mal nach. Der Autor schätzt die Pointe, lobt seinen Übersetzer Paul Berf und erzählt, dass es nicht leicht gewesen ist, van Veeteren nach all den Jahren zu einem neuen Buch zu überreden. Der Vortragende Dietmar Bär, „Tatort“-Guckern als Freddy Schenk vertraut, wirft Humor hinzu und liest Passagen, die Lust auf mehr machen. Das klappt so gut, dass nach 90 Minuten die Schlange derer, die eine Signatur wollen, quer durch den großen Saal bis zum Ausgang reicht.

Von Hans-Martin Koch