Mittwoch , 30. September 2020
Julia Steinigeweg hat sich in Singapur mit realen und künstlichen Menschen, mit dem Graubereich von Realität und Fiktion beschäftigt. Foto: t&w

Begegnung mit Nadia und Nadine

Lüneburg. In Singapur traf die Fotografin Julia Steinigeweg die Zukunft. Sie heißt Nadine. Sie sitzt am Empfang des Instituts für Medieninnovation der Nanyang Universität. Ihre Haut ist Silikon, ihre Adern sind Kabel. Es ist eine perfekte, unwirkliche Welt, die Steinigeweg weiter zur Fotoserie „I Think I Saw Her Blink“ führte, jetzt zu sehen im Artrium der Kulturbäckerei.

Nadines lebender Zwilling heißt Nadia. Das ist der Vorname der Computergrafik-Professorin Magnenat Thalmann. Der Mensch Nadia hat den „social robot“ Nadine geschaffen. Der kann zwinkern, sprechen, Menschen und Gefühle erkennen, Gesten ausführen und immer mehr.

„Ein verwirrendes Potenzial“

Das Verschwimmen von Realität und Fiktion und mehr noch der Einfluss neuer Technologien auf den Alltag hat die 1987 in Emden geborene Fotografin öfter beschäftigt. In der Serie „Ein verwirrendes Potenzial“ ging sie Männern und Frauen nach, die mit Puppen leben und sich darüber eine parallele Wirklichkeit schaffen. Steinigeweg, mehrfach ausgezeichnet, ist auf zahlreichen Ausstellungen vertreten, unter anderem in den Hamburger Deichtorhallen.

In Singapur stieß die Fotografin auf Szenerien, die ihr entrückt erscheinen. „In diesem Staat gibt es kaum Platz für Zufälle, denn er stemmt sich vehement gegen alles, das nicht kalkuliert werden kann“, sagt sie. Eine Situation, wie geschaffen für Projekte künstlicher Intelligenz.

Allen Motiven wohnt etwas Unbeseeltes inne

Steinigeweg begann in Singapur, Fotos aufzunehmen, die sich in eine Zwischenwelt begeben. Sie spiegeln etwas vor, von dem nicht sicher ist, ob sich dahinter etwas Tatsächliches oder Fiktives befindet. Die Schlange, die Rolltreppe, der Nachthimmel, der helle Abdruck eines Fußes auf dem Asphalt etc.: Gehüllt sind die Aufnahmen ins Dunkle, ins Dystopische, um einen Modebegriff zu nennen. Manche Fotografien wirken sehr konstruiert, andere wie Momentaufnahmen, viele bleiben betont rätselhaft.

Allen Motiven wohnt etwas Unbeseeltes inne, und einmal öffnet Steinigeweg die Büchse der Pandora: Sie fotografiert Nadines Hand und zeigt das Innenleben. Die Zukunft besteht aus Silikon, Kabeln und Schaltkreisen und heißt nicht nur Nadine.

„I Think I Saw Her Blink“ ist bis zum 11. Dezember zu sehen.

Von Hans-Martin Koch