Sonntag , 27. September 2020
Romy Hausmann ist in Deutschland und neuerdings auch in den USA erfolgreich. Foto: t&w

Ein Shootingstar in Plauderlaune

Lüneburg. Siebzehn Manuskripte, siebzehn Absagen. Die meisten Autoren hätten nach einer derartigen Negativserie aufgegeben. Nicht so Romy Hausmann. Denn ihr 18. Manuskript „Liebes Kind“ schlug bei den Verlagen ein wie eine Bombe: „Die Verlage haben sich mit Angeboten überschlagen. Ich konnte mir einen unter zehn aussuchen“, erzählt der Shootingstar der deutschen Thrillerlandschaft während ihrer Lesung im ausverkauften Marcus-Heinemann-Saal des Museums Lüneburg.

„Im März erscheinen, startete das Buch von null auf hundert durch“, hatte Sylvia Anderle von Lünebuch das für sie „gruseligste Thrillerdebut in diesem Jahr“ eingangs vorgestellt. Drei Tage nach Veröffentlichung war es in der Spiegel-Bestsellerliste, und bis Platz eins dauerte es nicht mehr lange. „Letzte Woche wurde es in die USA verkauft. Auf einer Auktion haben zwei Verlage um die Rechte geboten“, berichtet die ehemalige TV-Redakteurin stolz.

Feine Selbstironie

Hausmanns Freude ist ansteckend. Das liegt wohl auch an der unverstellten Offenheit, der feinen Selbstironie und dem bezaubernden Charme, mit dem sie sich auf Lüneburgs Krimifestival präsentiert. Und an den kleinen Anekdoten, mit dem sie den Abend im Museum würzt. Etwa über die Lesung in einer Kleinstadt im Taunus: In einem Spielcasino sollte sie stattfinden, das sich als Automatenhalle herausstellte; zwei Karten waren im Vorverkauf verkauft worden. Und Hausmann landete in einer kleinen Pension anstatt des versprochenen, aber ausgebuchten Vier-Sterne-Hotels, in der sie sich die Toilette auf dem Gang mit mehreren Monteuren teilen musste.

So liebenswert die Geschichten aus ihrem eigenen Leben sind, ihr Erstlingswerk „Liebes Kind“ ist alles andere. Darin wird aus drei Perspektiven erzählt, wie vor 14 Jahren eine junge Frau verschwand, die nach 4825 Tagen als Unfallopfer wieder auftaucht, vom Vater nicht als dessen Tochter identifiziert und von der 13-jährigen Hannah begleitet wird, die der verschwundenen Frau zum Verwechseln ähnlich sieht.

„Mein Name ist ein Palindrom“

Am eindrucksvollsten ist wohl Hannahs Perspektive, einem sehr bemerkenswerten Mädchen mit einer besonderen Vita. Einem Mädchen, das in einer Hütte im Wald aufwuchs, wo der Vater über Tag und Nacht, über Toilettengänge und über Sauberkeit, Ordnung und Höflichkeit bestimmte. „Mein Name ist ein Palindrom“, erklärt Hannah der Krankenschwester Ruth. „Das heißt, man kann ihn von vorne genauso wie von hinten lesen“. Und damit Schwester Ruth das auch richtig versteht, buchstabiert Hannah ihren Namen einmal von vorne, dann noch einmal von hinten.

Die Handlung ist düster-beklemmend und lebt nicht zuletzt von unerwarteten Wendungen. „Mich interessiert nicht das Gemetzel über 30 Seiten, sondern die Psychologie“, erklärte die Autorin, die „gerne redet“ – und somit offen auf die Fragen aus dem Publikum antwortete. Dass sie während „Liebes Kind“ sehr wenig geduscht habe, dass sich ihr neues Buch mit dem Thema Schuld befasse, dass sie Melanie Raabe vergöttere und dass sie „mit nacktem Hintern um den Block“ gelaufen sei, um ein Versprechen einzulösen. „Das Foto davon gibt es, aber nicht im Internet“, berichtete sie lachend. Lüneburg freut sich auf ein Wiedersehen mit Romy Hausmann beim Krimifestival 2020.

Von Silke Elsermann