Charismatischer Erzähler: Joe Bausch in der Kulturbäckerei. (Foto: t&w)

Nach dem Schützenfest

Lüneburg. Schon als der Gefängnisarzt, Schauspieler und Autor Joe Bausch sein im März 2012 erschienenes erstes Buch „Knast“, das fast acht Monate lang auf der B estsellerliste zu finden war und mittlerweile die neunte Auflage erreicht hat, beim Lüneburger Krimifestival vorstellte, fand er Veranstaltungsidee und Stadt äußerst sympathisch. Sehr gut kam seine erzählfreudige Lesung damals an, und so war es auch dieses Mal: Bausch stellte sein zweites Buch mit dem Titel „Gangsterblues“ wieder mehr erzählend als lesend vor, mit vielen sehr persönlichen Details, viel Ernst und in Anbetracht der menschlichen Abgründe, an deren Rand er sich beruflich dreißig Jahre lang bewegte, mit unverhofft köstlichem Humor.

Gast in so ziemlich jeder Talkshow

Der temperamentvolle Promi wurde in der voll besetzten Kulturbäckerei von vielen begrüßt, die seine 1985 begonnene TV-Karriere verfolgen. Darunter seine Auftritte als Rechtsmediziner im Kölner „Tatort“ und als oft geladener Gast in so gut wie jeder Talk-Show, die das Fernsehen zu bieten hat. Seine Erzählungen bieten diesmal weniger Einblicke in den Berufsalltag als Gefängnisarzt in der Justizvollzugsanstalt Werl. Diesmal habe er, so Bausch, Blicke in die Seelen derer gewagt, die dort zum Teil lebenslang, zumindest aber sehr viele Jahre inhaftiert seien, ohne dabei die Sicht der Opfer zu vergessen.

Von unzähligen Taten erzählten seine Patienten, die fast alle ihre Unschuld beteuerten. Unter tausenden „Justizopfern“ habe er jedoch nur eine Person tatsächlich für unschuldig gehalten: Einen etwa zwanzigjährigen angeblichen perversen Sexualmörder, der kein Wiederaufnahmeverfahren erreichte und zwei Jahrzehnte lang in Haft war, ehe er wegen bester Führung entlassen wurde. „Nach dem Schützenfest“, das erste Kapitel des Buches, erzählt dessen ungeheuerliche Geschichte. Sie beruht unter anderem auf Bauschs Einsicht in die Akten, jedoch überzeugte ihn dieser Häftling vor allem damit, dass ihn immer wieder der „draußen“ immer noch frei herumlaufende wirkliche Täter beschäftigte.

„Gangsterblues“ heißt sein Buch, weil dieser Titel die Stimmung, das Gefühl beschreibt, das „in den Fluren unter die Haut kriecht, wenn man morgens und nachts durch Gefängnisse geht“. Der Blues, der Lebensgeschichten spiegelt, ist seine Musik, gespielt auf zwölf Saiten einer Gitarre, von denen sechs auf ihre eigene Art mitklingen und mitschwingen.

Von zwölf Inhaftierten handeln deshalb die Kapitel, die eher Berichte als Kurzgeschichten sind. Sie sind selbstverständlich „fiktionalisiert und anonymisiert“, um die Schweigepflicht nicht zu verletzen. Die Charaktere und Begebenheiten sind also verändert worden, hätten aber genauso sein und passieren können. Vor allem kam es Bausch darauf an, die Doppelbödigkeit der Ereignisse, auch der Justiz zu berühren, die Schwierigkeiten, die sich bereits bei Aufnahme einer Tat aus menschlichen Vorurteilen, individuellen Gefühlen und Entscheidungen ergeben.
Aus drei weiteren Kapiteln las Bausch, wobei er immer wieder ins freie Erzählen verfiel. Fasziniert hat ihn stets, was die Leute eigentlich „böse“ werden lasse, die im Alltag als freundliche Menschen „wie Du und ich“ unterwegs sind. Bauschs unerschöpfliche Eloquenz ist stets mit einer passenden Portion Witz und Schalk gewürzt. „Heiterkeit“ braucht er, um die Welt der Inhaftierten, unter denen alle erdenklichen Taten vom grausamen Kindesmord bis zum dagegen eher „harmlos“ wirkenden Juwelenraub vertreten sind, zu begreifen und sich dennoch einen notwendigen Abstand zu bewahren. Mit langem enthusiastischem Beifall wurde der charismatische Autor in der Kulturbäckerei verabschiedet.

Von Antje Amoneit