Sonntag , 1. November 2020
Ungewöhnliches Format für die Goldberg-Variationen: UltraBACH-Konzert im Salon Hansen. (Foto: t&w)

Mitmachen und genießen

Lüneburg. Die Stadt hat ein neues Festival und das wirkt wie ein Frischekick. Dafür sorgt das Orchester der Stunde: das junge ensemble reflektor, 2015 in der Musikschule gegründet, mit Sitz in Ham- und Lüneburg. Es gewann gerade für sein Engagement den Max-Brauer-Preis und wird für seine Klasse von den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern ausgezeichnet. Jetzt haben die Reflektoren mit vielen Unterstützern im Hintergrund „ultraBACH“ in Lüneburg platziert. Es bereichert die Stadt, die Region, das Musikleben enorm – Tenor: Mitmachen und genießen!

Alles dreht sich um Johann Sebastian Bach, der 1700 mit Geige und schöner Diskant-Stimme zu Fuß aus Thüringen nach Lüneburg kam, als Freischüler am Michaeliskloster. Bachs Musik spielt folgerichtig in Lüneburg eine beherrschende Rolle, in den Kirchen und alle zwei Jahre bei der altehrwürdigen Bachwoche. Mit ultraBACH schreiben die aus der ganzen Republik kommenden Reflektoren, alle im Alter zwischen Studium und Beruf, ein spannendes neues Kapitel. Sie verbinden Barock und Techno, Romantik und Moderne. Sie mischen Profis und Laien, Alte und Junge, sie spielen in Kirchen und Musikschule, auf Altstadt-Dielen und im Salon Hansen. Sie probieren vieles aus, alles auf Basis erstklassigen Musizierens.

Lüneburger Laien- und Profimusiker

Das ganze Festival über proben die Reflektoren für Projekte mit den Strings der Musikschule, mit Kirchenmusikern, mit dem Orchester der Musikfreunde, mit Lüneburger Laien- und Profimusikern. Sie geben Workshops, und Sechstklässler der IGS Embsen zeigen ihre Ideen zur Musik. „Tanz-Bach“ heißt es in der rappelvollen Musikschule. Bachs rhythmisch schwingend ausformulierte D-Dur-Suite steht im Zentrum. Strings-Chefin Kathy Nierenz bringt dem Publikum kurz und passend Gavotte-Grundschritte bei, und Seite an Seite mit den Strings erklingt ein Arrangement zu Pharrell Williams‘ „Happy“. Da funktionieren Gavotte-Schritte auch.

Fünf Gruppen bilden sich Sonnabendmorgen beim komplett ausverkauften Hausmusik-Parcours in der Altstadt. Die allgegenwärtige, umsichtige Festivaldramaturgin Dorothee Kalbhenn weist die Besucher ein, jede Gruppe besucht drei Dielen oder Wohnzimmer in der Altstadt und erlebt in 15-Minuten-Konzerten Musik, die Bach in Lüneburg gehört hat oder gehört haben könnte, gespielt von Reflektoren mit Lüneburgern. Bei Hedwig von Sichart zum Beispiel vertritt Pianistin Regina Ewe die Stadt, eine Diele weiter sagt Cornelius Graf von Bernstorff, dass es ihm eine Ehre sei, als Laien-Querflötist mitwirken zu dürfen.

Ein Pool von 70 Musikern

Das Abendkonzert in St. Michaelis steht unter dem Motto „Ein Choral für Lüneburg“. Benjamin Scheuer hat ihn geschrieben, sein Choral wird mit dem Publikum uraufgeführt – am Ende einer mit ausladend viel zeitgenössischer Musik gefüllten „Imaginären Kantate“. Mit dabei beim Konzert ist der ultraBACH-Chor, fürs Festival formiert von Sängern aus Johannis- und Michaelis-Chören. Die Kirchenmusiker Joachim Vogelsänger und Henning Voss wirken mit und junge Solisten wie Marie Luise Werneburg (Sopran), Ekaterina Chayka-Rubinstein (Alt), Ronan Caillet (Tenor) und Luciano Lodi (Bass).

Das ensemble reflektor, das sich aus einem Pool von 70 Musikern immer neu formiert, schätzt klassische und ebenso ungewöhnliche Konzertorte wie Discos, Hafenschuppen oder am Sonnabend um 22 Uhr den Salon Hansen. „Goldberg“ lautet das Motto: Ein Reflektor-Trio spielt verstärkt und ganz schön rockig Teile aus Bachs Goldberg-Variationen. DJ Konstantin Heuer setzt Techno-Sounds daneben, ein Ineinandergleiten der Klangwelten hätte das Konzept bereichert.

Beim Finalkonzert „Bach to the Future“ stößt Bach in St. Johannis auf einige seiner Bearbeiter wie Webern und den Bombast türmenden Stokowski. Da spielt das von Lothar Nierenz geleitete Orchester der Musikfreunde mit. Am Ende des klugen Programms steht die – auch Bach aufgreifende – zweite Sinfonie von Schumann. Die Reflektoren spielen im Stehen, befeuert von Stammdirigent Thomas Klug, ihre ganze Klasse aus: differenzierend, sensibel, stürmisch, dynamisch und klangsinnlich. Das Publikum klatscht noch, als die Musikerinnen und Musiker abgetreten sind. 2021 folgt der zweite Frischekick. Jede Stadt, die so ein Festival bekommt, dürfte sich glücklich schätzen. Lüneburg darf es.

Von Hans-Martin Koch