Donnerstag , 1. Oktober 2020
Abubakar Adam Ibrahim im Heine-Haus. (Foto: t&w)

Eine völlig unmögliche Liebesgeschichte

Lüneburg. „Ich danke euch allen, dass ihr heute Abend gekommen seid und mir zuhören wollt. Es freut mich, Menschen aus der ganzen Welt zu treffen“, richten sich Abubakar Adam Ibrahims erste Worte an alle Anwesenden. Im Heine-Haus las er aus seinem neuen Roman „Wo wir stolpern und wo wir fallen“. Moderiert wurde der Abend von Claudia Kramatschek, Literaturkritikerin und Kulturjournalistin. Die deutschen Passagen las der Lüneburger Schauspieler Matthias Hermann.

“Ich will mich für das, was passiert ist, entschuldigen. Okay? Er rieb sich die Hände. Es tut mir leid. Du bekommst dein Handy zurück… und den restlichen Schmuck auch.“ So steht es auf den ersten Seiten in Abubakar Adam Ibrahim’s Roman. In seinem Buch: „Wo wir stolpern und wo wir fallen“ tauchen die Leser ein in eine verbotene Liebe in Zeiten politischen Aufruhrs.

Gesellschaft zwischen Moderne und Tradition

Abubakar Adam Ibrahim zeichnet ein Porträt einer Gesellschaft zwischen Moderne und Tradition: Für den Drogendealer Reza ist der Einbruch in das Vorstadthäuschen der Witwe Binta Zubairu bloß die Routine eines heißen Vormittags. Jedoch einen Herzschlag später wissen beide: Das, was hier geschieht, dürfte nicht sein. „Die Bilder mit denen sie aufwachte, hatten sie mehr erregt, als sie hätte zugeben wollen“, schreibt der Autor.

Die Anziehungskraft, zwischen den beiden Protagonisten, das Begehren, das ihnen selbst ein Rätsel bleibt, verstößt gegen alle Regeln der traditionellen muslimischen Gesellschaft der Stadt Jos. Und doch: Vor dem Hintergrund der politischen und religiösen Gewalt in Nigeria entfaltet sich die sinnliche, kämpferische und verzweifelt unmögliche Liebesgeschichte zwischen einer alternden Frau, die ihren Sohn verloren hat, und dem um 30 Jahre jüngeren Anführer der Gang des Viertels. Reza und Winter müssen allerlei Hürden überwinden für ihre Art von Beziehung zueinander.

Teils empörte Reaktionen in Nigeria

„Eigentlich sollte es gar kein Liebesroman werden, sondern eine Geschichte über eine verbotene, sexuelle Anziehungskraft zwischen zwei Menschen. Der Roman soll aufzeigen wie Menschen sind, egal welche Kultur oder Herkunft sie haben. Menschen bleiben immer Menschen“, erklärt Abubakar Adam Ibrahim. Vor allem sei es ein Buch über Frauen. Es tauchen viele unterschiedliche Frauenfiguren in der Geschichte auf. „Ich wollte versuchen ihr Leid aufzuzeigen und ihre Bedingungen deutlich zu machen. Da ich ein Mann bin, hatte ich Angst, es nicht richtig rüberzubringen. Es folgte hingegen sehr viel positives Feedback, auch in Nigeria“, erzählt der Autor. Einst das Buch zu veröffentlichen, ging jedoch mit großem Risiko einher. Gerade die Reaktionen in Nigeria seien teils empört gewesen. „Hätte man mich vor fünfzehn Jahren gefragt so etwas zu schreiben, hätte ich es verneint.“

„Es ist ein Roman voller Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit hinter der Geschichte. Ibrahim erkundet, wie Beziehungen von der Gesellschaft selbst gestaltet werden, nicht nur zwischen Mann und Frau, auch in der Familie“, beschreibt die Moderatorin das Werk. Abubakar Adam Ibrahim, geboren 1979 in Jos in Nordnigeria, lebt als Journalist und Autor in Abuja. „Wir sind sehr dramatische Menschen in Afrika. Selbst die Langweiligen haben einen Hang zur Dramatik. Man schaue sich unseren Präsidenten an“, sagt Abubakar Adam Ibrahim schmunzelnd.

Von Malin Mennrich