Sonntag , 20. September 2020
Sophie Passmann liest aus „Alte weiße Männer“. (Foto: Mennrich)

Provokation ist ihre Stärke

Lüneburg. Als die junge Autorin die Bühne im Salon Hansen betritt, klingelt ein Handy irgendwo im Publikum. „Sicher, dass du nicht rangehen willst? Ich kann auch rangehen, wenn du möchtest. Gerne alle Handys anmachen, lautmachen! Das wäre mir wichtig“, begrüßt Sophie Passmann auf ihre sarkastisch, humorvolle Weise das Publikum. Sie ist Feministin und so gar nicht einverstanden mit der Plattitüde, der alte weiße Mann sei an allem schuld. Sie will wissen, was hinter diesem Klischeebild steckt und fragt nach: Ab wann ist man ein alter weißer Mann? Und kann man vielleicht verhindern, einer zu werden?

Passmann hat für ihr zweites Buch „Alte weiße Männer: Ein Schlichtungsversuch“ Gespräche mit bekannten Männern geführt: „Ich wollte Männer in der Grauzone treffen. Dafür habe ich mich einen Sommer lang mit mächtigen Männern im deutschsprachigen Raum getroffen. Das Buch ist chronologisch aufgebaut. Man merkt wie fresh und funky ich am Anfang des Sommers noch war, aber sich meine Stimmung dann veränderte.“

Einer ihrer Interviewpartner war Robert Habeck, deutscher Politiker und Schriftsteller. „Normalerweise gibt es bei seinem Namen im Norden immer eine lautmalerische Reaktion. Er ist eine Art Politik-Superstar, der seine Partei cool und lässig wirken lassen soll“, lacht Sophie Passmann. Seit dem 27. Januar 2018 ist der Politiker bekanntlich neben Annalena Baerbock Bundesvorsitzender der Grünen. „Ich wollte auf jeden Fall nicht Teil einer patriarchalen Machtdominanz sein. Aber auch, wenn ich mir einbilde, ein verständnisvoller Mann zu sein, so bin ich trotzdem in der Logik gefangen. Männern ist es nicht so leicht, aus dem Verhaftetsein der starken Rollen-Performance auszubüchsen“, antwortete Habeck.

Auf die Frage, wie es nach seiner Karriere einmal weitergehen soll, entgegnete er: „Es ist wichtig loszulassen. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Da bin ich ganz entspannt.“ Die junge Autorin hingegen sieht ihn wie einen Bachelorstudenten, der seinen Eltern nach Weihnachten erklärt, dass er erstmal nicht weiter studiert: „Mama, Kommunikationswissenschaft war einfach nicht das Richtige. Ich mache erstmal eine Fahrt Richtung Israel.“

Auch mit ihrem Vater habe die Feministin sich zum Gespräch getroffen: „Ich hatte ein bisschen Angst vor dem Treffen, weil ich wusste, das würde vielleicht nicht gut für ihn ausgehen.“ Mit viel Witz beschreibt sie ihren Vater als großen, überstattlichen Mann mit gelber Fliege. Einen Lacher gibt es, weil sich wohl alle Männer vor dem Treffen darüber informierten, dass sie Veganerin sei. Außer ihrem Vater, der wusste das und ging mit ihr in sein Lieblings-Steak-House. Und, ist ihr Vater ein weißer alter Mann? „Der Trick ist es, möglichst viel in Kontakt mit jungen Menschen zu sein. Der Begriff alter weißer Mann ist so abwertend behaftet“, erklärte ihr Vater.

Die Autorin und Radiomoderatorin wuchs in Ettenheim in der Nähe von Freiburg auf, schrieb schon als Teenager Texte. 2011 gewann sie die baden-württembergische Meisterschaft im Poetry Slam. Heute moderiert sie mit Matthias Kalle den Zeit-Online-Podcast „Die Schaulustigen“, in dem die beiden Themen rund um das Fernsehen besprechen.

Von Malin Mennrich