Bernhard Robben stellt den jungen amerikanischen Autor Andrew Ridker vor. Im Hintergrund wartet Niklas Schmidr darauf, den deutschen Text zu lesen. (Foto: t&w)

Selbstlose, Selbstsüchtige

Lüneburg. Andrew Ridker stellt eine dieser Fragen aller Fragen und sucht und findet keine Antwort. Was ist ein gutes, menschliches, moralisch korrektes Leben? Ridker, 1991 geboren, dreht die Frage schon im Titel seines ersten Romans weiter: „Die Altruisten“. Sind das die Guten? Die Geschichte der im freien Fall zerbrochenen Familie Alter präsentierte der Amerikaner jetzt mit Moderator Bernhard Robben und – als Textleser – Niklas Schmidt im Heine-Haus.

Arthur, so der Plot, startet einen Rettungsversuch. Vor Jahrzehnten zog er samt Familie in die Provinz, verbunden mit der Hoffnung auf eine Professur. Er bekommt nur Lehraufträge und scheitert zudem desaströs beim Versuch, in Zimbabwe die Hygiene der Menschen zu verbessern. Er versucht Gutes, verursacht Schlimmstes. Arthurs Frau Francine, eine erfolgreiche Therapeutin, stirbt. Die Kinder Maggie und Ethan machen sich aus dem Staub. Jahre später erhalten sie einen ziemlich kryptischen Brief vom Vater: Er will sie sehen.

Geschichte von Katastrophen

Ridker erzählt die katastrophische Geschichte im Wechsel aus der Perspektive der Kinder und des Vaters – auch Francines Geschichte wird aufgerollt. Ridker stellt zwar die Frage nach dem guten Leben, aber ihn interessieren mehr die Brüche und dunklen Seiten im Menschen. Als Autor könne er, sagt er im Gespräch mit dem perfekt vorbereiteten Moderator, ausleben, was man sich sonst nicht eingesteht. Man könne schlimmste Gedanken in Figuren projizieren.

Vater Arthur handelt nicht aus Liebe. Er will Geld von den Kindern, um das mit Hypotheken überladene Haus halten zu können – und seine junge Geliebte. Er hat das Treffen bis ins Detail theatergleich geplant, aber kennt seine Kinder nicht. Maggie, die alles Problematisierende, und Ethan, der absolute Problemmeider, kommen zudem mit eigenen Interessen. Maggie lebt davon, vermeintlich Gutes zu tun, kasteit sich, isst kaum, moralisiert und ist so selbstlos wie selbstsüchtig. Sie will daheim ein paar Erinnerungsstücke einsammeln. Ethan, isoliert lebend und beruflich gescheitert, will einen einstigen Geliebten sehen und außerdem Geld vom Vater.

Ridker durchzieht seinen klug komponierten, sprachlich ausgefeilten Roman mit dunklem Witz. Etwa, wenn Arthur mit seinen täppischen Inszenierungen scheitert: Er lädt in ein Grillrestaurant, aber Maggie ist Vegetarierin. Arthur hätte es wissen müssen. Grotesker noch ist die Dating-App, die darüber funktioniert, dass sie Menschen über ihre Traumata zusammenführt. Maggie klickt sich da mal rein.

Im Vordergrund aber steht das Aufbrechen alter Verletzungen. Keine der bedauernswerten, nur bedingt sympathischen Gestalten eignet sich als Identifikationsfigur, am ehesten noch die tote Mutter. Ridker interessiert vor allem der Vater, das ist so ein Typ Mensch, der immer noch eine Stufe tiefer stolpert.

Happy End mit Hollywood-Format

„Die Altruisten“ schlug ein, die Kritiker jubeln. „Der klügste und humorvollste Debütroman des Herbstes“, befand Die Zeit. Ridker las aus seinem ziemlich großen Roman vor ziemlich kleinem Publikum – im Rahmen der „Grenzenlos“-Reihe, die Literaturbüro und Literarische Gesellschaft veranstalten. Anders als viele berühmte amerikanische Erzähler wie Philip Roth hängt Ridker noch ein Zu-schön-um-wahr-zu-sein-Hollywood-Finale an. „Wo keine Zivilisation existiert, muss man sie erfinden“, schreibt Ridker. Ging es im ersten Satz um Feuer, das die Familie Alter plagt, so hocken Arthur, Maggie und Ethan am Ende an einem Lagerfeuer, das kathartisch reinigende Kraft besitzt.

Von Hans-Martin Koch