Jan-Peter Petersen, die eine Hälfte des Hamburger Kabarett-Duos Alma Hoppe, im Kulturforum. (Foto: t&w)

Fisch – flapsig frisch serviert

Lüneburg. Funktioniert Hamburger Humor in Lüneburg? Ja – vorausgesetzt, die Lüneburger finden den Weg ins Kulturforum Wienebüttel. Mit gut 100 Zuschauern war die Konzertscheune am vergangenen Sonnabend deutlich unterbesetzt. Schade, denn geboten wurde Unterhaltung vom Feinsten. Jan-Peter Petersen, die eine Hälfte des Hamburger Kabarett-Duos Alma Hoppe, sorgte für einen heiteren und kurzweiligen Abend mit wortgewaltigen Spitzen und schnell aufeinanderfolgenden Pointen.

Vielwortkonstruktionen und das Futur II

Das freundliche „Moin“ zur Begrüßung ist den Lüneburgern nicht fremd, und Petersen ist begeistert, wie herzlich das Publikum „zurückmoinst“. Das Eis ist gebrochen. Es soll ja an diesem Abend auch nicht schwerpunktmäßig um Hamburg gehen, auch wenn das Programm „Hamburger Jung – zwischen Fisch und Kopf“ heißt. Keine Sorge, hier kriegt jeder sein Fett weg, vor allem die Rechten, denn Petersen ist ein Linker. „So nannte man das damals, wenn man sich für Gerechtigkeit einsetzte.“ Er bezeichnet die CSU als „südeuropäische Problemzone“ und kann nicht verstehen, wie eine intelligente Frau wie Alice Weidel gleichzeitig „geistig behindert“ sein kann. Für Letzteres erntet der Künstler nur schwachen Applaus, denn das geht dann vielleicht doch ein bisschen zu weit.

Zu Höchstform läuft Jan-Peter Petersen auf, wenn er mit Vielwortkonstruktionen in atemberaubendem Tempo zeigt, wie er die hohe Kunst der deutschen Sprache beherrscht. Mühelos setzt er das Futur II ein, wenn er über seine Generation, die Baby-Boomer spricht: „Wir werden viele geblieben sein“, und sagt über Angela Merkel „Wenn sie nicht mehr da sein wird, werden wir sie schon vermisst haben.“ Dafür gibt es Szenenapplaus, sobald die Zuschauer wieder Luft geholt haben.

Die Verwandten in „Drübien“

Dieses Tempo auf hohem intellektuellen Niveau kann nicht über den ganzen Abend gehalten werden, muss es aber auch nicht. Wenn der Hamburger aus seiner Kindheit plaudert, über die Mengenlehre in der Grundschule und die Ferien, die er häufig bei seinen Verwandten in „Drübien“ verbrachte, ist das urkomisch: „Die konnten zwar besser rechnen, schreiben und lesen als ich – aber genützt hat es ihnen nichts: Ich hatte die Schokolade!“ Und das Jugendzimmer, in dem das Che-Guevara-Plakat zwischen Mowgli und Uwe Seeler hing, kann man sich bildlich vorstellen.

Das Bühnenbild ist hanseatisch-zurückhaltend und besteht lediglich aus einem Barhocker. Aber die professionelle Lichttechnik setzt einzelne Elemente des Programms gezielt in Szene. Im politischen Kabarett liegt Petersens Stärke. Da ist alles erlaubt. Sein Vater sei kein Nazi gewesen, dazu habe ihm der rechte Arm gefehlt. Und Ursula von der Leyen habe ja das gleiche Baujahr wie die Gorch Fock: Der Rumpf sei ganz okay, aber die Ersatzteile werden langsam knapp.

Ein Happy End für die Zuschauer

Wenn er aber beginnt, über die Ehe zu lamentieren, über den Fitness-Wahn oder das Thema Ernährung, gleitet er ab ins Komödiantische, und das ist nicht immer witzig. Der Bauch müsse weg, er müsse mal eine Diät machen. „Aber da müsste ich ja gleich mehrere machen, sonst werde ich nicht satt“. So etwas ist nicht neu. Doch er setzt gleich einen drauf: „Wenn ich keinen Bauch mehr hätte, das wäre ja unsozial, dann hätte der kleine Arbeitslose da unten kein Dach mehr über dem Kopf.“ Ja, er kann auch Stammtisch.

Die kleinen frauenfeindlichen Spitzen nimmt man ihm weder wirklich ab noch übel. Er sei ein „bekennendes Arschloch“, gesteht Petersen. Unsere Gesellschaft brauche Arschlöcher, und es sei ein schönes Gefühl, gebraucht zu werden. Seine Gesangseinlage „Weil ich ein Arschloch bin“ zur Melodie von Luci­lectrics „Mädchen“ ist brüllend komisch – nicht zuletzt wegen der gekonnt ungelenken Tanzbewegungen des Bühnen-Profis.

„Puh, zwei Mal würde ich das auch nicht mehr schaffen“, muss Petersen schließlich keuchend zugeben. Und so endet der Abend, der mit seiner Zeugung und seinen ersten Monaten im Mutterleib begann, unweigerlich mit dem Thema Älterwerden – schließlich werde er in zwei Monaten 61. „Das Leben hat kein Happy End, denn am Ende des Lebens steht der Tod.“

Dieser Abend jedoch hat ein Happy End, und so darf der Künstler noch für eine Zugabe auf die Bühne, bevor er die Zuschauer in den nasskalten Herbst entlässt.

Von Ruth Heume