Samstag , 19. September 2020
Comedian Katrin Bauerfeind im Kulturforum. (Foto: be)

Weniger Hass, mehr Liebe

Lüneburg. „Liebe Lüneburger“, ruft Katrin Bauerfeind, als sie zu „All you need is Love“ freudestrahlend die Bühne des Kulturforums betritt. Kein Song hätte besser passen können als der Beatles-Klassiker, um ihr erstes Stand-up-Programm einzuläuten und die Stimmung im Publikum anzuheizen. Denn das Thema ihrer zweistündigen One-Woman-Show ist „Liebe“. Warum sie das Thema Liebe für ihr Programm wählte? „Weil sich der Hass im Alltag breit macht.“ Denn, wenn schon auf Turnschuhen Hassbotschaften verbreitet würden, „dann muss man dem doch etwas entgegensetzen. Und in der Stadt der Roten Rosen wird das doch laufen, oder?“, punktet die Komikerin.

Dieses urmenschliche Gefühl beleuchtet die Schwäbin, die auch in Norddeutschland verstanden wird, in allen erdenklichen Facetten – von Familie, Freundschaften, erster Liebe, Partnerschaften, bis Single-Dasein und spart dabei auch nicht mit Gesellschaftskritik.

Spätzle sind Zuneigung

Wenn sie aus dem Nähkästchen plaudert, zum Beispiel über ihre eigene Kindheit, verfällt sie gern ins Schwäbische, was der Sache zusätzlichen (Lach-)Reiz verleiht. Eine Liebeserklärung im Schwabenländle würde in etwa so ablaufen: „Sieh Katrin, desch isch mei Hof und desch sin meine Viecha, überleg‘s dir halt“. Weitere Anekdoten belegen ihren emotional schwierigen Background. So konnte die Oma wunderbar direkte Kritik austeilen, aber Sätze wie „ich hab dich lieb“ kamen nicht über ihre Lippen, das gab‘s nur indirekt. „Spätzle sind Zuneigung und Kuchen ist Liebe“ erinnert sich Bauerfeind.

Geschickt versteht es die 37-Jährige Kindheitserlebnisse ebenso wie die des Erwachsen- und Älterwerdens zu schildern, sodass manch einer sich selbst wiederentdeckt. Zur Höchstform läuft sie auf, als sie eine ganze Partygesellschaft imitiert. Zu ihrem 35. Geburtstag lud sie ihre alten Freunde ein, echte Freunde keine „Follower, denn bei dieser ganzen Hashtag-Scheiße, da ist es total wichtig, Menschen zu haben, die wissen wie wir wirklich sind.“ Aber das Wiedersehen war desillusionierend. Petra, die beste Freundin, hat sich von Nils getrennt und ihren Liebeskummer nicht mit ihr, sondern mit Tanja, einer Arbeitskollegin (!) geteilt. Etliche trinken nicht, weil sie am nächsten Tag früh raus müssen. Dann geht auch noch die Bowle-Schale zu Bruch – die von Oma, heul, heul. Dabei sollte der Abend doch vor allem Anlass sein, die Liebe zu feiern, die laut Bauerfeind das beste Gegenmittel sei gegen Hass, Verdrossenheit und Verdrossenheitsverdrossenheit“.

In der „Agro-Falle“

Und auch im Alltag gerät die Grimmepreisträgerin trotz ihres Vorsatzes, die Liebe walten zu lassen, in die „Agro-Falle“. Zum Beispiel als ihr per „Steinzeit-Twitter“ – ein handgeschriebener Zettel – mitgeteilt wird, dass sie eine Einfahrt blockiert. Das bringt die ansonsten gut gelaunte Powerfrau mächtig in Rage, und sie lässt sich dazu verleiten, ihren Missmut weiterzugeben, als sie selbst wenig später zugeparkt wird. Wutentbrannt schreibt sie auf die Rückseite dieses Zettels „Parkpimmel“. Doch als eine Mutter ,sorry, sorry, ich musste mein krankes Kind aus der Kita abholen‘ rufend angelaufen kommt, wünscht sich Bauerfeind die „Rückspultaste fürs Leben“, aber die gibt’s ja leider nicht.

In solchen Situationen erinnert die – auch mimisch starke – Komödiantin daran, dass „ dass die Halbwertszeit von Träumen durch Alltagshass verkürzt wird und mit der Liebe viel großzügiger umgegangen werden sollte. Es könne doch nicht sein, dass die Wut als ehrlich gelte, die Liebe aber als kitschig. Sie schlägt vor, Zettel zu verteilen mit der Aufschrift „Ich wünsche ihnen einen schönen Tag“. Und wenn das nur einem ein Lächeln ins Gesicht zaubert sei das gut, und dann wird sie politisch: Klar, so retten wir die Welt nicht, ,da kommt man nicht an gegen Nazis und Rassisten‘, hört sie Kritiker sagen, „aber um die geht’s nicht, denen müssen wir aufs Maul hauen.“

Ob Spieleabend, Kindergeburtstag, Zugfahrten, Urlaub – Katrin Bauerfeind findet überall eine Rolle für die Liebe beziehungsweise für die Suche danach. Und am Ende ihres locker-flockigen Dauer-Monologs entlässt sie ihr Publikum mit den Worten „Es ist mir egal, liebe Lüneburger, was ihr macht, Hauptsache, ihr macht es mit Liebe.“

Von Dietlinde Terjung