Sonntag , 27. September 2020
Gerhard Henschel daheim in seinem Familienarchiv. (Foto: ff)

Endlich die ersten Erfolge

Lüneburg. Seit er zum Entsetzen der Eltern das Studium der Germanistik schmiss, schlägt sich Martin Schlosser als freier Autor und mit gelegentlichen Jobs in einer ziemlich üblen Dorf-Disco durch. Er will Schriftsteller werden, also wozu braucht er ein Examen? Jetzt ist er Ende zwanzig, und so langsam kommt die Sache tatsächlich ins Rollen. Bei den Satire-Zeitschriften „Kowalski“ und „Titanic“ sind seine Beiträge willkommen, bei „konkret“ und sogar bei der Frankfurter Rundschau.

Verzicht auf einen Spannungsbogen

„Erfolgsroman“ lautet deswegen der Titel der autobiographischen Erzählung, Martin Schlosser heißt in Wirklichkeit Gerhard Henschel, aber sonst ist alles wahr. Am Dienstag, 29. Oktober, 19.30 Uhr, stellt der Autor auf Einladung der Literarischen Gesellschaft im Heinrich-Heine-Haus den mittlerweile achten Teil seiner Autobiographie vor. Exakt 4646 Seiten umfasst jetzt dieses grandiose Ego-Epos.

Einen Spannungsbogen gibt es eigentlich nicht, eher lakonisch fügt der Autor ein kurzes Erzählfragment an das andere, das geht beispielsweise so: „Ich ging einmal ums Karree, weil mich die Ahnung beschlich, dass ich dabei meiner Traumfrau begegnen könnte, doch ich traf nur einen totgefahrenen Igel, der sein Winterquartier zur Unzeit verlassen hatte.“ Punkt, Absatz.

Der Autor zitiert Rock-Texte, die gerade passen, ohne die Herkunft zu nennen (meistens Bob Dylan, später hat er seine Biographie übersetzt), und auf eigentümliche Art groovt diese Geschichte. So ganz nebenbei liefert Gerhard Henschel ein Mosaik literarischer Zeitgeschichte, mit Zitaten aus (damals) aktuellen Neurscheinungen und eigenen Kommentaren.

WG mit zwei Tamilen

Wir befinden uns kurz nach der Wende, Schlosser/Henschel lebt im friesischen Heidmühlen in einer WG mit zwei Tamilen, die er nie zu sehen bekommt, die gern kochen und jedesmal die Küche penibel aufräumen. Viel Zeit verbringt der Autor damit, seine Text-Honorare anzumahnen, denn so begeistert die Satire-Redakteure von seinen Beiträgen sind, so schlecht ist ihre Zahlungsmoral, da bleiben manchmal nur noch ein paar Mark auf dem Konto, bis endlich, endlich, der erlösende Scheck kommt.

Die private Bibliothek wächst immer dann, wenn denn mal Geld da ist. Schlosser/Henschel ist ein echter Literatur-Liebhaber, aber der Papa (Mutter ist gestorben) meckert und meckert, da wäre ein geregeltes Einkommen eben schön. Der Kontakt zu den anderen Mitgliedern der verzweigten Schlosser-Familie, besonders zur Oma, ist besser. Schön wäre auch eine feste Freundin, ab und zu lernt Martin Schlosser ja mal auf einem Selbsterfahrungs-Workshop (die er anscheinend nur zu diesem Zweck besucht) so ein verheißungsvolles Wesen kennen – aber ach, sie sind ebenso intelligent und erotisch wie flüchtig.

Garantie des Authentischen

Ansonsten plant der aufstrebende Satiriker den Umzug nach Berlin (wo er schon zwei Mal gelebt hat), die Provinz zwischen Meppen und Jever geht ihm auf die Nerven – und tatsächlich, dort begegnet er Autoren und Verlegern, von Wiglaf Droste bis Michael Rutschky, und ihm werden die „ersten roten Teppiche ausgelegt“.

Im wirklichen Leben haben die Familienmitglieder Henschels ihre Briefe für die Veröffentlichung freigegeben, die Garantie des Authentischen macht den Reiz aus, der Verlag Hoffmann und Campe lädt bei jedem neuen Band zum Familientreffen. Und um den Helden müssen wir uns keine Sorgen machen, denn bis heute hat er Dutzende Bücher – zum Teil mit Kollegen wie Max Goldt – geschrieben und namhafte Auszeichnungen erhalten. Zum Beispiel: 2017 den Ben-Witter-Preis, zusammen mit Gerhard Kromschröder, für ihr Buch „Landvermessung.

Von Frank Füllgrabe