Dienstag , 22. September 2020
Das ensemble reflektor unter der Leitung von Thomas Klug probt in der Musikschule. (Foto: t&w)

Das nächste große Ding

Lüneburg. Es sind spannende Zeiten für das junge Orchester. Es ist gerade mal vier Jahre alt, in Hamburg und Lüneburg zu Haus. Jetzt hat das ensemble reflektor in Hamburgs Kampnagelfabrik den Max-Brauer-Preis bekommen. Er wiegt 20 000 Euro und bringt, was noch wertvoller ist, jede Menge Anerkennung und Aufmerksamkeit. Am Tag danach feilen zwei aus dem Orchester in der Musikschule Lüneburg, wo alles begann, mit jungen Musikern am nächsten großen Ding: ensemble reflektor gründet ein Festival, vom 20. bis 27. Oktober heißt es in Lüneburg ultraBACH.

Basisdemokratisch organisiert

Was macht dieses Orchester so besonders? Es wird von jungen Musikern gebildet, die zwischen Studium und Profileben stehen. Sie kommen aus der ganzen Republik, rund 70 Musikern bilden den Pool, aus dem das Orchester mit meist um die 40 Mitspielenden seine Projekte umsetzt. Organisiert ist das Orchester nahezu basisdemokratisch. Der Anspruch an Qualität ist maximal hoch und verbunden damit, der klassischen Musik ihre Fracksteifheit zu nehmen, ran ans Publikum zu gehen, neues und jüngeres zu gewinnen. Dafür treten die Musiker auch im Hamburger Oberhafen auf, in der Disco Grünspan, und bei ultraBACH werden nicht allein Musiksäle und Kirchen bespielt, es geht auch in den Salon Hansen.

Das Konzept wirkt. Die Aufmerksamkeit steigt. Die großen Festivals springen an. Markus Fein, Noch-Intendant der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, zum Beispiel hatte das vom Dirigenten Thomas Klug künstlerisch geformte ensemble reflektor in diesem Sommer gebucht. Fein ist von Klasse und Ausstrahlung des Orchesters begeistert. Das Zusammenspiel könnte weitergehen. Fein stärkt auch gern Projekte wie solche, bei denen das Orchester mit Schülern arbeitet.

Der nun überreichte Max-Brauer-Preis passt perfekt. Denn er „ermutigt“ laut Selbstverständnis „Akteure, die das kulturelle, wissenschaftliche oder geistige Leben Hamburgs mit ihrem Engagement prägen.“ Zu denen, die das junge Orchester bestärkten, gehörte auf Kampnagel Christoph Lieben-Seutter, Generalindentant der Elbphilharmonie und der Laeiszhalle.

Das Festival ultraBACH wirkt wie die Essenz der bisherigen Arbeit. Das wird auch an diesem Abend bei der Probe für das Tanz-Bach-Teamkonzert am 25. Oktober deutlich. Joosten Ellée, reflektor-Konzertmeister, probt mit den 14- bis 18-Jährigen der Strings, der von Kathy Nierenz geleiteten Musikschul-Streicherbande. Sie gehen das berühmte „Air“ von Bach durch, reflektor-Cellist Johann Caspar Wedell sitzt zwischen den Strings. „Ihr habt Zeit, nicht so schnell“, korrigiert Ellée – immer freundlich, ruhig, behutsam, freundschaftlich. Am 25. Oktober werden reflektor und Strings gemeinsam spielen, ein Programm von Bach über Tango zu Pharrell Williams‘ „Happy“.

Verbindung mit lokalen Partnern

„Wir werden uns in jedem Konzert des Festivals mit lokalen Partnern verbinden“, sagt Ellée. Das Publikum wird bei der Uraufführung eines Chorals beteiligt, die Kantoreien bei Kantatengottesdienst, Amateurmusiker bei einem Hauskonzert-Parcours in der Altstadt. Offene Proben in der Musikschule lassen sich besuchen, und mit Schülern der IGS Embsen wird eine Einführung zu „Tanz-Bach“ erarbeitet. Dafür ist gerade als weiterer Sponsor die Klosterkammer aufgesprungen. Weitere wichtige Unterstützung kommt von der Niedersächsischen und der Lüneburger Sparkassenstiftung, vom Landschaftsverband und von der Stiftung Niedersachsen.

Mit dem Festival ultraBACH, das künftig im Wechsel mit der Bachwoche alle zwei Jahre laufen soll, geht eine Professionalisierung einher. Es soll kleine Homorare für die Musiker geben. Bisher organisierten, probten und spielten sie allein aus Lust und Liebe. Die bleiben erhalten. Für die schnell wachsenden Aufgaben hat das ensemble reflektor zudem Dorothee Kalbhenn als Orchestermanagerin hinzugezogen.

Der Vorverkauf für ultraBACH läuft. Das Programm steht im Internet unter www.ensemble-reflektor.de. Die Nähe zu Lüneburg bleibt nach dem Festival erhalten: Schon am 9. November steht „Ein Deutsches Requiem“ auf dem Programm, in der St. Johanniskirche.

Von Hans-Martin Koch