Freitag , 2. Oktober 2020
„Mädchen ohne Perlohrring“ (Acryl auf Leinwand) von Joan Stephan. (Foto: ff)

Touristen und Weltenwanderer

Lüneburg. Zwei chinesische Arbeiter, offensichtlich bestens gelaunt, beugen sich gemeinsam über ein Smartphone. Was es dort wohl zu lesen gibt? Touristen haben sich an einem steinigen Strand versammelt, wieder kommen die Handys zum Einsatz, diesmal als Kameras, und wieder werden wir nie erfahren, was oder wem die Aufmerksamkeit gilt. Ist aber eigentlich auch egal, denn die Menschen selbst sind wichtig, ihre Situation, die Inszenierung des Augenblicks: Gemälde von Joan Stephan, zu sehen in der Avacon, eine Doppelausstellung mit Kollegin Gabriele Nafisa Klipstein.

Der Titel: „Retrospektive“, eine umfassende Rückschau soll es also sein, und dafür braucht es Platz. Den gibt es in den langen Fluren der Avacon mit dem lichtdurchfluteten Glasvorbau als Mittelpunkt; kein Wunder, dass die Bürogalerie lange im Voraus ausgebucht ist. Immerhin 186 Werke verzeichnet die Liste, manche wurden schon mehrfach bei anderen Ausstellungen gezeigt, gegenübergestellt sind die Arbeiten zweier Lüneburger Künstlerinnen, die – zumindest auf den ersten Blick – kaum unterschiedlicher sein können.

Rätselhafte Grundstimmung

Joan Stephan malt Dinge und Darsteller wie sie sind, konkret, zuweilen ein wenig karikaturenhaft überzeichnet. Eine Frau im groben Kittel verharrt vor einem Gemälde, das wiederum eine halb bekleidete Frau auf einem Sofa zeigt. Eine melancholische, wiederum etwas rätselhafte Grundstimmung, auch der Bildername hilft nur wenig weiter: „Mädchen ohne Perlohrring“ – eine Anspielung auf Jan Vermeer, na klar, sicher ist die schmucklose Frau in der Arbeitskleidung (wenn es denn überhaupt eine ist) gemeint. Sie trägt in ihren vor der Brust verschränkten Armen ein Buch; ein Ausstellungskatalog? Hat es überhaupt etwas mit dem Gemälde zu tun? Befinden wir uns in einer Galerie oder irgendwo in einem Privathaushalt?

Fest steht: Joan Stephan mag die Menschen in ihrer fröhlichen Schönheit oder ihrer ungenierten Hässlichkeit. Meist scheint die Sonne, an mediterranen Urlaubsorten oder auch in Lüneburg, wo die Fassaden leuchten. Und noch etwas ist als stilbildende Methode zu erkennen: Die Motive wirken, als seien sie für die Leinwand zu groß, als wäre die Linse des Kameraobjektivs (oft bilden Schnappschüsse die Grundlage der Gemälde) zu eng gewesen, fast immer ist etwas angeschnitten.

Geheimnisvolle Irrlichter

Dieses Licht spiegelt sich auch auf den Leinwänden von Gabriele Nafisa Klipstein, aber es sind abstrakte Arbeiten, Blicke in einen unendlichen Kosmos: geheimnisvolle Irrlichter vor blauer Tiefe, schimmernde, lasierende, zerrissene Flächen, die dem Weltenwanderer keinen Halt bieten. Titel wie „Im freien Fall“, „Traumtänzer“, „Reise im offenen Raum“ und „Die Argonauten“ sagen es: Welten ohne Haltepunkte, ohne unten und oben: „In dem offenen Raum in den Bildern spüren wir unsere Schutzlosigkeit und Verwundbarkeit auf der Reise durch den Kosmos“, sagt Gabriele Nafisa Klipstein. Nur manchmal gibt es konkrete Ortsbezeichnungen, „Zypern“ zum Beispiel, oder „Wattenmeer“.

Abgerundet wird die Ausstellung mit Portraitplastiken aus Ton: Hier zeigt Joan Stephan wieder ihr Talent zur Karikatur, zur böswilligen oder empathischen Überzeichnung, die Büsten heißen dann schlicht „Charakterkopf“.

Die Doppel-Retrospektive läuft bis 15. Januar.

Von Frank Füllgrabe